Flaschenpost vom Narrenschiff

2004 Teil (a)

Bundespräsidentenwahl, die Zweite
Bundespräsidentenwahl, die Erste
Osterweiterung: die Wahrheit als Prozeß
Stauffenberg - eine filmische SMS zur Zeitgeschichte
Ronald Barnabas Schill. In memoriam
Hektische Muße - Es gibt ein Leben nach dem Website
In dieser schnell lebigen Zeit. Rechtschreibreform als Denkmal der Inkompetenz
Bundespräsidentenwahl, die Dritte



Montag, 28.06.2004
Bundespräsidentenwahl, die Zweite.  Ehrlich gesagt, beinahe wäre mir die Professorin mit der flotten Frisur lieber gewesen, ich hätte mir bei ihr doch ein Minimum an sozialer Sensibilität vor-
stellen können, was ja bei dem designierten Bundespräsidenten Köhler kaum zu befürchten ist. Aber genau der philanthropische Touch, der mich denken läßt, daß Gesine Schwan jedenfalls kein Robocop des Neoliberalismus gewesen wäre, ist wiederum das, was mich daran erinnerte, wer sie sonst noch ist: Sie ist Rektorin der "Europa-Universität Viadrina" in Frankfurt/O., wirkt also aktiv und zweifellos engagiert an einem der, na ja, halbwegs seriösen Aussöhnungs- und Kooperations-
projekte zwischen Deutschen und Polen mit. Aber das heißt immer noch, sie wirkt – objektiv, würden die Marxisten sagen - mit an der Zukleisterung der Vergangenheit, an deren Übertape-
zierung mit einem historischen Fake, wo es nur deutsche Schuld und ein paar kleine, verzeihliche Übergriffe von polnischer Seite gegeben hat. Von dem pathologisch reinen Gewissen unserer östlichen Nachbarn war schon an anderer Stelle die Rede. Hier ist nur anzumerken, daß, wer die deutsch-polnische Geschichte betrachtet, eben nicht erst im Jahre 1933 oder 1939 anfangen darf, sondern zumindest auch die begeisterte Mitwirkung von Polen (und Tschechen gleichermaßen) am Landraub von 1919-21 (Westpreußen, Oberschlesien, Sudeten) in die Betrachtung einbeziehen muß.1)  Und ebenso den Kausalzusammenhang zwischen dem "völkerrechtlich" maskierten Ver-
brechen des Versailler Vertrages von 1919 und dessen direkten Folgen: Hitler nebst Zweitem Weltkrieg. (Welch ein Zufall: Wir haben gerade den 28. Juni...)

Was zum Schinder hat denn das Unternehmen Viadrina mit der Historie zu tun? Sehr gute Frage: nichts und alles. Natürlich haben Projekte wie das, an dem Frau Gesine mitwirkt, eine große Zu-
kunft, eben weil sie keine Vergangenheit haben: Die Wissenden sterben mit meiner Generation aus, die Nachwachsenden haben das Geschichtsbild, welches die Ministerien für Wahrheit ihnen aufge-
prägt haben. Ich kenne die Lehr- und Vorlesungspläne der Viadrina nicht, aber da die polnischen Studenten immer noch kommen und man wenig von Handgreiflichkeiten hört, läßt sich schließen, daß die neuralgischen Punkte im deutsch-polnischen Verhältnis wie sonst auch säuberlich ausge-
spart bleiben. Das Etablissement darf keine Vergangenheit haben, genauer: kein korrektes Bild von der Vergangenheit, weil "ihr" Vergangenheitsbild für die Polen zu wichtig ist als Begründung für die Richtigkeit des Heute. Wie anders sollten sie rechtfertigen, daß heute Polen mit einer ziemlich ag-
gressiven Selbstverständlichkeit in Gebieten siedeln, die zwar jahrhundertelang von Deutschen, aber nie von Polen bewohnt waren (Pommern, beide Preußen) oder wie Schlesien ganz freiwillig dem Heiligen Römischen Reich beigetreten waren. Die meisten Polen, die ich kenne, sind offene, umgängliche Leute. Jedenfalls so lange, bis das Thema "Vertreibung" und "deutsche Ostgebiete" ausgesprochen oder unausgesprochen sich erhebt. Dann ist der Moment gekommen, wo die heutigen Verhältnisse der Rechtfertigung durch die Vergangenheit bedürfen und die Vernunft sich verabschiedet.

Man kann bei den Polen dann zwei Argumentationslinien beobachten: Die einen legitimieren Besitz und Besitzanspruch mit deutschen Verbrechen, als Sühne, Wiedergutmachung sozusagen. Das ist nicht wirklich durchdacht, aber wirksam. Die anderen argumentieren, diese Gebiete seien urpol-
nisch und mit Recht wieder bei Polen. Das sind die Geschichtsfälscher. Ach so, und dann haben wir noch diejenigen, die eine Entschädigung im Westen für die verlorenen Gebiete im Osten für ganz ok halten, Stichwort Westverschiebung. Frau Gesine könne gut Polnisch, heißt es (immerhin rühmte man auch schon, nicht ganz unberechtigt, meinen "bardzo dobry akcent", ähem ...). Also, ut desint vires, ... schaue ich schon mal dann und wann auch nach Quellenmaterial auf der anderen Seite der Oder. So suchte ich neulich im Web nach einem Beleg für die Inschrift auf einem Denk-
mal irgendwo in Westpreußen wohl, auf dem man lesen könne: "Der Slawe ist wieder da". Ich fand ihn nicht, dafür aber auf einer Homepage mit dem bezeichnenden Titel "Wszechpolacy" (Allpolen) die wirklich bemerkenswerte Feststellung so eines chauvinistischen Blödians: "Szczecin jest z po-
wrotem polskim miastem" (Stettin ist wieder (!) eine polnische Stadt). Die Menschen mit dem neu-
en Geschichtsverständnis werden es hinnehmen, und Etablissements wie Frau Gesines Viadrina dürften mit dazu beitragen, daß die Zahl der Ahnungslosen täglich wächst.

Das Denken in den Kategorien von Schuld, Strafe und Sühne führt schon bei der Wertung der Taten physischer Personen in bisher unauflösbare Aporien. (Gerade haben Forscher wie Wolf Singer die Diskussion um die Willensfreiheit (die ja die Voraussetzung für Verantwortung und Schuldfähigkeit ist) neu entfacht.) Erst recht ist die Übertragung solcher Denkkategorien auf Kol-
lektive (Völker, Gesellschaften) oder fiktive Personen wie Staaten es sind, ein vollkommen irra-
tionales Relikt aus der Zeit, da der Staat begrifflich noch nicht aus der Person der Herrschers herausgetreten und zu seiner eigenen, abstrakten Identität gelangt war. Den absolutistischen Herr-
scher konnte man belohnen oder bestrafen; man konnte ihm Land schenken oder wegnehmen, konnte ihn hinrichten oder foltern (Hallo, Prof. Wolffsohn, was ist heute die Empfehlung des Hauses: Strom oder Daumenschrauben klassisch?). Aber wie macht man so etwas bei Staaten oder Völkern? Daß Staaten Aktoren besitzen (nämlich Vollzugsorgane), mit denen sie Verbre-
chen begehen können, ist klar. Aber haben sie auch Sensoren, mit denen sie eine Bestrafung füh-
len können? Können Staaten Reue empfinden oder weinen? Oder wo sitzt eigentlich die ontische Identität eines Volkes, sein "identischer Ich-Pol", wie Husserl vielleicht sagen würde (ohne damit überhaupt etwas gesagt zu haben, wohlgemerkt)? Wer handelt, wenn "es" handelt; wer leidet, wenn "es" leidet? Vollends absurd wird es, wenn man sich einmal fragt, wer bei Kollektiven eigentlich der Träger ihrer Identität in der Zeit sein könnte.

Die Deutschen der heutigen Generationen müssen sich deshalb angesichts der Missetaten ihrer Vorfahren genauso wenig schuldig fühlen wie ihre polnischen Zeitgenossen für die ihrigen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß sie an der Viadrina den Studenten beibringen, die so praktischen "Analysen" der Gegenwart mithilfe der Vergangenheit einfach kühl per Hinweis auf die Gnade der späten Geburt abzublocken. Vielmehr werden jedenfalls die Deutschen noch lange und genüßlich die Herleitung und Legitimierung der gegenwärtigen Verhältnisse aus der mit guidoknoppesken Mitteln aufbereiteten Vergangenheit konsumieren. Eines wird dadurch aber nicht für dauernd aus dem Geschichtsbewußtsein beider Völker gelöscht werden können: das tief in unserem Kultur-
kreis verankerte Rechtsempfinden, demzufolge ein geraubtes Gut zwar in den Besitz des Räubers übergeht, aber niemals in sein Eigentum.

Frau Prof. Schwan wird mir mit Recht entgegenhalten: Wenn Sie hier weiter so destruktives Zeug verbreiten, werden Sie es noch so weit treiben, bis diese Menschen von uns und unseren Euros und all diesen schönen Jobs überhaupt nichts mehr wissen wollen! Das würde ich denn doch be-
dauern und verstumme deshalb beschämt. Denn im Grunde (s.o.) ist sie doch eine sympathische Person, ehrlich. Und so sind Bessermenschen nun mal: Schon der junge Alexander (336-323 v.Chr.) soll ja oft geweint haben: "Wieder ein Tag vergangen, und nichts für die deutsch-polnische Aussöhnung getan!"

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1) Ein Denkmal für die deutschen Freikorpssoldaten, die damals in den sogenannten Volkstumskämpfen noch schlimmere Gebietsverluste verhinderten, wäre erwägenswert. Am besten direkt vor Frau Schwans Viadrina, sozusagen als angenehmer Kontrast zu der weinerlichen Gedenkstättenkultur, wie sie die Vertriebenenverbände neuerdings pflegen. Gemach, gemach, ich erlaube mir ja nur einen makabren kleinen Scherz, aber diese Männer hätten in der Tat Besseres verdient, als immer nur als Steigbügelhalter Hitlers denunziert zu werden.




Sonntag, 13.06.2004
Bundespräsidentenwahl, die Erste. Eine Bundespräsidentenwahl ist eine ernste Sache. Schließ-
lich stellt ein Präsident bei uns Kanzler und Minister ein und entläßt sie auch wieder. Wenn er ge-
rade niemanden einstellt oder entläßt, unterschreibt er Gesetze, weshalb man vielleicht sagen könnte, daß eine charaktervolle Unterschrift mit zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Präsident-
schaftskandidaten zählen sollte. Außerdem liefert er, wenn sonst nichts los ist, mit einer wohlfor-
mulierten, meist grundsätzlichen Bundespräsidentenrede, die eigentlich kein gewöhnlicher Mensch so recht beachtet, unserer inszenierten öffentlichen Meinung Stoff für aufwühlende Debatten. Deshalb ist es nur gut, daß die Präsidentenkür, fern den Unberechenbarkeiten einer Direktwahl durch die Bürger, in der ebenfalls inszenierten Repräsentanz der berühmten Bundesversammlung stattfindet. Wer da, außer den sattsam bekannten Volksvertretern aus Bundestag und –rat, noch so alles repräsentativ mitwählt, das ist natürlich nicht im entferntesten so interessant wie die Frage, wer dies Jahr zum Wiener Opernball geht. Denn irgendwie sorgt ja wohl der Berufungsproporz dafür, daß die bürgerlichen Wahlmänner, -frauen, -transsexuellen usw. das Wahlverhalten ihrer parlamentarischen Kollegen einigermaßen adäquat abbilden. Aber – vergessen wir nicht die öffent-
lich-mediale Dimension des Ganzen – hier und da bleibt der Fokus des investigativen Feuilletons oder einer Talkshow an ein paar Bemerkens werten (hübsch, die Schreibweise, nicht?) Individuen hängen, und der neue Leviathan "Publikum" ist ein Weilchen beschäftigt.

Da hatte zum Beispiel die baden-württembergische CDU ihren ehemaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger in die Bundesversammlung entsandt. Und prompt und dankbar erinnerte man sich, daß dieser einst als Marinerichter noch 1945 an Todesurteilen beteiligt war und deshalb 1978 zu-
rücktreten mußte. Peinlich war es damals schon, wie er zunächst den Namen Hase annahm, von nichts wußte, immer schon dagegen gewesen war, bis das Gewicht der Beweise erdrückend wur-
de. Einiger Beweise jedenfalls. Zu dumm nur für unsere wackeren Widerstandskämpfer post fes-
tum, daß ausgerechnet die brisantesten 'Dokumente' von der Stasi gelieferte Fälschungen waren. Übrig blieb ein Militärjurist, Mitglied der NSDAP, der ohne allzu große Skrupel an wenigstens drei Todesurteilen gegen Deserteure mitgewirkt hatte, Urteilen, die nach damaliger Rechtslage auch ohne die haßtriefenden Führererlasse Rechtens waren. Zwei der Urteile ergingen in Abwesenheit gegen zwei Soldaten, die sich bereits ins neutrale Schweden abgesetzt hatten. Was also der litera-
risch wohl eher vergessenswerte "Dramatiker" Rolf Hochhuth da im frommen antifaschistischen Eifer 1978 auslöste, war letztlich eine klassische linke Dreckskamapgne zu parteipolitischen Zwek-
ken. Zum Glück traf es keinen Falschen. Denn die Heuchelei und Selbstgerechtigkeit Filbingers konnte auch die Wohlmeinendsten in Rage bringen. Sein Satz "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein" mag treuherzig gemeint und in seinem Fall sogar berechtigt gewesen sein; jedem aber, der die kurze, entsetzliche Rechtsgeschichte des Dritten Reiches einigermaßen überblickt, muß er in dieser Allgemeinheit eine Gänsehaut verursachen. Recht hatte sie, die baden-württem-
bergische CDU, wenn sie den alten Herrn als ihren "untadeligen Wahlmann" (Fraktionschef G. Oettinger) nach Berlin schickte. Da bleibt zusammen, was zusammengehört.

Die ehemalige Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) mochte neben so einem nicht sitzen. Ob sie wohl die gleichen Bedenken hatte, neben einem der zahllosen 68er-Veteranen Platz zu nehmen, die heute in unserem politischen Establishment ganze Kolonien bilden, gewisser-
maßen die candida albicans einer immungeschwächten Gesellschaft, rötliche oder grünliche Schat-
tierung, je nachdem? Einem von denen, die bis heute kein Wort der Entschuldigung herausbringen dafür, daß sie jahrelang lauthals und steinewerfend für die psychopathischen, menschenverach-
tenden Regimes eines Mao Tse-tung, Ho Tschi Min oder Pol Pot "kämpften"? Moment mal!  Na-
türlich wurden und werden in China, Vietnam usw. schon mal Todesurteile gefällt, z.B. wegen Diebstahls, Wirtschaftssabotage, Unterschlagung oder Feindpropaganda, aber doch nicht jeden Tag, nicht für Bagatelldelikte wie Desertion und schon gar nicht von Marinerichtern. Also bitte nicht Äpfel mit Birnen verwechseln, ja?

Wie anders doch die politische Delikatesse da drüben, auf der Linken. Wenige Jahre nach der Filbinger-Affäre, 1984, präsentierten die Grünen selbstbewußt eine eigene Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, gegen Richard von Weizsäcker. Es war die ziemlich populäre und, wie man hört, leicht überspannte Dichterin Luise Rinser. Die war nun rechter Ausschweifungen ganz unverdächtig, eher der Typ linke Feministin mit verschärftem Liebesleben. Auch Widerstands-
kämpferin wollte sie gewesen sein, wovon allerdings außer ihr niemand was gemerkt hatte. Überdies hatte sie das kommunistische Nordkorea von Herrn Kim Il Sung bereist und war sehr angetan von dem kargen, aber gesunden Leben der Koreaner, wo es noch echte soziale Gemein-
schaft und keine Entfremdung gab (nachzulesen im "Nordkoreanischen Reisetagebuch").

Mit dem Dichten, dem Schreiben hatte Luise Rinser schon früh angefangen. Hier z.B. ein paar politisch korrekte Gedanken nach Neujahr 1934, die bei einer Kandidatin des linken Flügels aller-
dings verwunderlich anmuten:

"... Und dann kam ein Ruf von der südlichsten Grenze des Reichs über das
deutsche Land hinweg in den Norden:
"Führer, Dir diesen ersten Gruß im neuen Jahr, Dir unseren heißesten Wunsch -
Heil Dir!"
Und dann noch ein Gang durchs Dorf, und beim Dorfbrunnen unser lustiges
Neujahrsansingen, mit einem alten Ansingerlied und einem Jodler. ..."

Im gleichen Jahr berichtet sie in der Blut-und-Boden-Zeitschrift "Herdfeuer" über ein von ihr geleitetes BDM-Führerinnen-Lager und beschreibt (feministisch noch nicht ganz treffsicher) das Frauenbild der neuen Zeit:

"... Immer und vor allem: Frau. Mütterliche Frau.
Nicht vor allem: Kämpferin in der Öffentlichkeit.
Im übrigen: Je gesunder wir sind, desto sicherer unser Instinkt
und unsere Entwicklung.
Daher unser oberster Programmpunkt:  Züchtung gesunder Menschen ..."

Auch hübsch:

"... Morgenfeier: Wir stehen im tief verwehten Garten um den Flaggenmast. Nach einigen Tagen haben wir schon gelernt, mit fröhlichen Gesichtern im Schneegestöber zu stehen und dem steifen Nordost eines unserer kräftigen HJ-Lieder entgegenzuwerfen ... Dann sagt jemand einen Spruch vom Führer, von Fichte, Königin Luise und ein Gedicht von Schirach, Annacker oder Eckart. – Ja, das muß ein deutsches Mädel auch können: Kälte, Nässe, Schnee und Wind vergessen in Zucht und Begeisterung, und ohne sich gleich Schnupfen und Halsweh zu holen!"

(Entnommen einer stern-Ausgabe von 1988)

HJ-Lied im Nordost, Hitlerspruch und Schirachgedicht? Junglehrerin Luise war Mitte Zwanzig, Schwamm drüber. Schließlich hab ich ja auch noch meine alte BNS-Anstecknadel 1), die mit der Odalsrune, irgendwo im Kästchen bei den uralten Manschettenknöpfen liegen. So what? Sind wir nicht alle ein bißchen bluna? Wollte sagen: sind nicht gerade kluge und kreative Menschen lebens-
lang auf der Suche?

Und 'Züchtung gesunder Menschen' - was ist so falsch daran? Sehr zu Unrecht ist die Eugenik-
Debatte in Nachkriegsdeutschland tabuisiert worden; faktisch hat eugenisches Denken aber längst über Wunschzeugung, pränatale Diagnostik usw. unauffällige Brückenköpfe gebildet. Der Durch-
bruch könnte allerdings aus unerwarteter Richtung kommen: aus der neoliberalen Kosten-Nutzen-
Philosophie, die früher oder später die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Humanqualität und 'sozialen Nebenkosten' aufwerfen wird. Nicht sympathisch, aber immer noch besser als der jetzige Zustand.

Doch zurück zu Luise, der Beinahe-Bundespräsidentin. Daß sie so dem Zeitgeist verfiel, ist wie gesagt kein Drama. Weniger schön ist freilich: Auch sie wußte später von nichts, Name 'Hase' usw. Ihr voller Name unter zahllosen Beiträgen? Unerklärlich. Unerrrkläääärlich!!!!

Ja, und auch den grünen Dauernervern flicht die Nachwelt wohl keine Kränze für Instinktsicherheit bei Bundespräsidentenwahlen: Wie kann man sich über einen Filbinger als Wahlmann aufregen, wenn man selbst so eine Leiche im Keller hat? Ehrlich gestanden, als mir die realsatirische Spiege-
lung und die darin offenbar werdende Heuchelei bewußt wurden, empfand ich ehrliche Schaden-
freude. Eine moderate Entschädigung dafür, daß die Koalitionsarithmetik es uns zumutet, uns von einer kleinen Sandalensekte auf Rudolf-Steiner-Niveau mit Erdstrahlen, atomaren Phobien und FFH-Biotopen belästigen zu lassen, von der schlicht kranken Zuwanderungspolitik ganz zu schweigen.

Nehmen wir als erheiternden Abschluß noch ein Wahlfrauenbeispiel: Gloria Fürstin von Thurn und Taxis, der Medien schrilles Jet Set Pet von ehedem, bekennt sich bei J.B.Kerner (oder?) zur per-
sönlichen Bekanntschaft mit Joints und Lines. Lange zurückliegend und abgetan das Ganze, und trotzdem unverzeihlich, wenn man es a) an der nötigen persönlichen Bußfertigkeit und b) an echter Sensibilität für die gesellschaftpolitische Problematik fehlen läßt. Oder noch einfacher gesagt: Öffentliche Auftritte von (ehemaligen) Drogenkonsumenten sind eigentlich nur dann akzeptabel, wenn diese sich als lebende Illustrationen der Verheerungen präsentieren, die jede Droge nun mal anrichtet, anzurichten hat. Also als paradigmatisches, sozial gescheitertes, gesundheitlich ruiniertes Häufchen Elend. Und Reue, Reue, Reue! Nun, die Fürstin hat den Aposteln der Enthaltsamkeit was gepfiffen: Eine Frau, die das "verrücktes Huhn"-Image lange hinter sich gelassen hat, eine re-
spektable Lebensleistung vorzeigen kann und sogar fromm ist. [Nur - daß sie etwas gegen Afri-
kaner und sonstige Leute hat, die gern mal "schnackseln", das würde sie für meinen persönlichen Umgang denn doch disqualifizieren. Was hat sie bloß dagegen?]

Die ebenso dumme wie bigotte Forderung nach Entfernung der freimütigen Gloria aus der Bun-
desversammlung zu diskutieren, lohnt nicht. Schließlich trägt sogar unser nicht gerade durch Flexi-
bilität und Intelligenz bestechender Justizapparat mehr und mehr der Tatsache Rechnung, daß die Entscheidung eines mündigen Menschen (ich sagte: mündigen, Dummy!), ob er Drogen konsumiert oder nicht, in den Bereich seines natürlichen Rechtes auf Selbstbestimmung fällt. Und hinsichtlich der moralischen Verwerflichkeit ist das Ganze wohl Ansichtssache. Ich selbst, wie die ganze wun-
derbare Clique von Jazzern und Fans um das Heidelberger "Cave 54" in den "Roaring Sixties", wir müßten für unsere Sünden eine Menge Asche auf unser Haupt streuen. Aber dazu war es zu schön, die künstlerische Bereicherung zu bedeutsam. Man spielte anders, man hörte anders. Die meisten haben dann irgendwann aufgehört; man merkte früher oder später, daß das Zeug nur Kre-
ativität hervorbringt, die man in sich trägt, und daß deren Menge endlich ist. Von "grass" und "shit" süchtig geworden ist niemand, den ich kenne. Gefährdet waren allerdings die wirklich guten Musi-
ker (zu denen ich nicht gehörte), von denen manche auf der zwanghaften Suche nach dem je näch-
sten "step beyond" bei den richtig harten Sachen landeten. 2)

Natürlich ist nicht zu leugnen, daß schon die weichen Drogen, auch ohne "Umstieg", heute in ihrer Gesamtwirkung auf die Mentalität von Millionen Teens und Twens eine gesellschaftliche Katastro-
phe darstellen. Und daß zwischen Crack, Ecstacy und sonstigen Designerdrogen einerseits und der Zunahme von Psychosen und anderen schweren psychischen Defekten andererseits ein enger Zu-
sammenhang besteht, kann wohl als unbestritten gelten. Aber genauso unbestreitbar ist, daß das eigentliche Problem eben das immer geringere Alter der Einsteiger ist. Dies und die eigentliche Ein-
stiegsdroge: das verwahrloste soziale Umfeld der heutigen Jugendlichen, in dem man entweder die hirnlose Zudröhn-Doktrin der Clique übernimmt oder aber "out" ist.

Andererseits zeigen ja gerade Beispielfiguren wie Ihre geoutete Durchlaucht oder Sir Paul Mc-
Cartney, daß ein paar tief inhalierte frühe Jahre und eine spätere bürgerlich solide Existenz sich normalerweise nicht ausschließen. Der Schul- oder Berufsversager ist doch schon Versager, wenn er zum ersten Joint greift. Die Botschaft der Fürstin würde in meiner Übersetzung lauten: Quod licet Iovi, non licet bovi. Es sollten nur die zum Pfeifchen greifen, die mit dem Rausch etwas Ver-
nünftiges anzufangen wissen und stabil genug sind, die Grenzen rechtzeitig zu erkennen. Diese elitäre Botschaft ist zugegebenermaßen pädagogisch und sozialtherapeutisch wenig hilfreich. Und das erklärt vielleicht auch den Zorn der befugten, mehr noch der unbefugten Wächter der Volks-
moral über Glorias Franchise.
Jedenfalls hat sie den neuen Bundespräsidenten mitgewählt oder auch nicht (ich vermute, eher nicht). Und das ist auch gut so.

1) Bund Nationaler Studenten. Wurde 1960/61 als verfassungswidrig verboten, - ein frühes Beispiel für die Kriminalisierung einer keineswegs die Verfassung bedrohenden, aber politisch unbequemen Gruppierung.

2) Weiter über Haschisch/Marihuana hinaus reichte damals unser Ehrgeiz nicht, - sehr weise, wie ich meine. Einige probierten trotz bedenklicher Gerüchte LSD. Na ja, und wenn's mit der Semesterarbeit knapp wurde, besorgten die Mediziner schon mal irgendeinen Amphetamindope oder das legendäre Captagon.




Montag, 12.04.04
Die Osterweiterung und die Notwendigkeit, die Wahrheit als Prozeß zu begreifen. Einst, vor vielen Jahren, es mag so um 1980 gewesen sein, saß ich in einer Freistunde im Lehrerzimmer und blätterte in einem zufällig herumliegenden Exemplar des schleswig-holsteinischen Lehrplans Gymnasien für das Fach Deutsch. Eine kurze Passage der Präambel hielt meinen gelangweilten Blick fest: "Intelligenz ist keine angeborene, unveränderliche Eigenschaft des Menschen, kein Zu-
stand. Intelligenz ist ein Prozeß!" Die Botschaft aus dem lichten Reich der Germanisten warf alle meine hirnphysiologischen Überzeugungen über den Haufen. Kopernikanische Wende! Oder doch zumindest die klassische kognitive Dissonanz.

Still, mit gefalteten Händen saß ich da und dachte: "Was für ein Arschloch."

Obwohl -- wenn ich so z.B. an die jüngsten Vorschläge einiger prominenter Volksvertreter (dar-
unter Familienministerin Renate Schmidt) betreffend das Wahlrecht für Säuglinge denke, leuchtet der Gedanke, daß Intelligenz ein retrograder Prozeß sein muß, unmittelbar ein.
Aber die von Singer und Roth angestoßene Debatte über die Schwierigkeiten, ohne Gehirn zu denken, ist nicht mein heutiges Thema.

Das ZDF und die Macht der Assoziation machen mich stutzig: Könnte vielleicht auch die Wahrheit eine solche Prozeßcharakteristik haben? Gewiß, es gibt viele Arten, denselben Sachverhalt zu be-
schreiben, und neben dem altbekannten Postulat nach Übereinstimmung zwischen Aussage und Sachverhalt warten viele unlösbare semantische Probleme wie z.B. das der Vollständigkeit der Be-
schreibung oder der Konnotation ihrer Terme. Genau das wurde mir heute vom ZDF auf ganz wit-
zige Weise wieder einmal vor Augen geführt. Mehr zufällig blätterte ich mich so durch die neuen BTX-Meldungen des Senders (die jetzt natürlich nicht mehr BTX, sondern Teletext heißen) und konnte die Metamorphose einer nachrichtlichen Wahrheit sozusagen live miterleben.

ZDFtext-Nachrichten 12.04.04 um 14:56:

Ost-Erweiterung: Deutscher Ruf nach Mindeststeuersatz
Unmittelbar vor der EU-Osterweiterung zum 1. Mai haben Politiker von SPD, Union und Gewerkschaf-
ten einen EU-weiten Mindeststeuersatz gefordert, um Steuerdumping zu verhindern. Der CSU-Vorsit-
zende Stoiber schlug eine Untergrenze bei der Einkommensteuer von 25 Prozent für alle EU-Mitglieder vor.
Stoiber sagte der "BamS", es müsse in Europa "eine gewisse Bandbreite bei den Steuern geben, in der jeder Staat für sich selbst entscheiden kann, aber einem reinen Steuerdumping ein klarer Riegel vorgeschoben wird."

Niedrige Steuersätze im Visier.
Bundesfinanzminister Eichel (SPD) kritisiert in der "BamS" die niedrigen Steuersätze in einigen osteu-
ropäischen Ländern. "Steuerdumping innerhalb der Gemeinschaft ist für die Bundesregierung nicht ak-
zeptabel. Ein Steuersatz von null Prozent ist eindeutig Steuerdumping."

Der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Huber verlangte einen Mindestsatz bei der Unternehmensbe-
steuerung. In Europa gebe es bei den Steuersätzen zu große Unterschiede. Die EU müsse endlich für eine EU-weite Untergrenze sorgen, die dann auch für die osteuropäischen Länder gelten müsse.

Verheugen verteidigt Wettbewerb.
In der vergangenen Woche hatte EU-Erweiterungskommissar Verheugen den Vorwurf zurückgewiesen, osteuropäische Beitrittsländer betrieben Steuerdumping. Man müsse Verständnis dafür haben, daß die neuen Mitgliedsländer das Beispiel Irland als besonders attraktiv empfinden, sagte Verheugen der "Passauer Neuen Presse".
Denn Irland habe den Anschluß an das EU-Wohlstandsniveau nicht nur wegen Fördermittel geschafft, sondern auch auf Grund von Investitionsanreizen. Dass dadurch der Wettbewerb schärfer werde, sei unvermeidlich.


Keine Ahnung, warum ich gerade diese Meldungen zwecks eventueller Verewigung in einer Fla-
schenpost mitstenographierte. Vielleicht nur für den Fall, daß jemand dem Stoiber Edmund den Weltmeistertitel im Sprücheklopfen streitig machen wollte. Jedenfalls war ich gerade damit fertig geworden, als plötzlich die Nachricht unter meinem entzückten Blick auf den allein relevanten wahren Wahrheitsgehalt zusammenschrumpfte, und es erschien:

ZDFtext-Nachrichten 12.04.04 um 14:57:

Ost-Erweiterung: Deutscher Ruf nach Mindeststeuersatz
Kurz vor der EU-Osterweiterung haben Politiker von Rot-Grün und der Union zusammen mit den Ge-
werkschaften wirkungsvolle Maßnahmen gegen Steuerdumping in den neuen osteuropäischen EU-Ländern verlangt.
Der bayrische Ministerpräsident Stoiber und IG-Metall-Vize Huber sprachen sich am Wochenende für Mindeststeuersätze aus, die in der gesamten EU gelten sollten.
Auch Bundesfinanzminister Eichel kritisierte die niedrigen Steuersätze in einigen osteuropäischen Ländern. Stoiber forderte, reinem Steuerdumping einen Riegel vorzuschieben.


Biologie war in der Schule mein schlimmstes Ätzfach, noch vor Geschichte (witzig, nicht?), aber ich glaube, wenn die Imago primitiver ist als Puppe oder Larve, nennt man das rückschreitende Metamorphose oder so.

Welche unerforschlichen Synergieeffekte (per Telefon, Fax, SMS usw.) hier an der gefälligen Beseitigung von Redundanz behilflich waren, bleibe ungeklärt. Klar ist aber, daß z.B. "Kurz vor der EU-Osterweiterung" wesentlich unpeinlicher ist als "Unmittelbar vor der EU-Osterweiterung zum 1. Mai", welch letzteres ja die Inkompetenz und Gedankenlosigkeit unserer EU-Erweiterer irgendwie besonders taktlos offenlegt. Wenn der verblüffte Bürger sich erst fragt, ob Politiker, die eine ökonomisch so zentrale Frage nicht rechtzeitig als Aufnahmebedingung zum Vertragsbestandteil gemacht haben, nicht einfach entmündigt gehören, ist ja der ganze Placebo-Effekt der nachträglichen Absichtserklärungen für die Katz.

Und was, so frage ich, wären unser europäisches Einigungswerk und die unsterbliche "Einbindung unserer östlichen Nachbarn in die westliche Wertegemeinschaft" ohne Placebos? Denken wir nur einmal daran, was die Freizügigkeit für Arbeitskräfte auf unserem Arbeitsmarkt anrichten würde, wenn die Bundesregierung da nicht entschlossen eine Sperrfrist von maximal 5 + 2, also sieben Jahren ausgehandelt hätte! Natürlich warten -- Günter Verheugen hat vollstes Verständnis -- 45 Millionen Arbeitnehmer mit Durchschnittseinkommen von etwa 20% (Tschechei), 12% (Polen) 15% (Ungarn) usw. des deutschen Standards ungeduldig darauf, sich in die westliche Wertege-
meinschaft einzubinden, besonders wenn die westlichen Werte in Euro deklariert sind. Aber in fünf, spätestens sieben Jahren sind die Unterschiede ausgeglichen und dann Nina Ruge: Alles wird gut. Für die Unternehmer allemal.

Es gibt viele Arten des ökonomischen Selbstmordes. Eine besonders dämliche ist es, wenn man einer Minderheit von politischen Schickimickis erlaubt, törichte europäische Harmoniemodelle zu konstruieren mit dilettantischen Vertragswerken, in denen nach einer Placebofrist von sieben Jah-
ren der Zusammenbruch des deutschen Arbeitsmarktes und als unmittelbare Folge davon des So-
zialsystems programmiert ist. Wo steht z.B. in den Verträgen, daß die neuen EU-Mitglieder sich verpflichten, bei Outsourcing ohne Einwilligung der Heimatregierungen oder der EU ein Nieder-
lassungsrecht nicht zu gewähren? Oh, eine Alternative zur alternativlosen globalisierten, kapitalis-
tischen Deregulierungspolitik, wie peinlich! Aber zum Glück -- darin sind sich Regierungskoalition und Opposition völlig einig -- sind die von der Heiligen Trinität Weltwährungsfonds, Weltbank und WTO dekretierten Wahrheiten frei vom Makel der Wandelbarkeit, zeitlos gültig und daher eben alternativlos. Mit größeren Arbeitsmigrationen ist ja laut Auskunft sämtlicher Experten genauso wenig zu rechnen wie mit weiteren Betriebsverlagerungen nach Osten. Ähem, hat eigentlich schon einmal jemand von den Dummschwätzern des DGB ein Wort des Protestes gehört dagegen, daß seit Jahren eine halbe Million Arbeitsplätze in deutschen Krankenhäusern mit osteuropäischen Pflegekräften besetzt ist? (Nur als kleiner Denkanstoß: Das bedeutet eine halbe Million deutsche Arbeitslose, und wer die niedrigeren Kosten der ausländischen Billigarbeitskräfte anführt, sollte nicht versäumen, die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Arbeitslosigkeit gegenzurechnen.)

Die Geschichte dieser unappetitlichen Mißgeburt namens Europäische Union wird einst eine Ge-
schichte der Torheit, der Verantwortungslosigkeit und der Bestechlichkeit ihrer Macher sein. Schon in den siebziger Jahren wurden Versuche Frankreichs, dem unheilvollen globalen Freihan-
delswahn durch eine vernünftige gemeinsame Zollgrenze Einhalt zu gebieten, besonders von den deutschen Mustereuropäern abgeblockt. Auch heute noch würden die arroganten Bosse, die jetzt glauben, jede Regierung mit der Drohung der Betriebsabsiedlung gefügig machen zu können, sehr kleinlaut werden, wenn wir statt der schwachsinnigen Osterweiterung eine gegen Billigimporte schützende Zollunion hätten. Denn das Gros der deutschen Exporte wird mit EU-Partnern abge-
wickelt, und eine Standortverlegung "nach draußen" wäre ein teurer Spaß für unsere Gewinn-
maximierer.

Musterbeispiel Irland? Erweiterungskommissar Günter Verheugen und die mit dem gleichen IQ gesegnete Finanzkommissarin Michaele Schreyer sind natürlich dermaßen mit neuen EU-Erweite-
rungsaufgaben ausgelastet (Achtung, China, wir kommen!), daß ihr Blick in die Statistiken nur ein flüchtiger sein kann: Würde die EU heute, nach nunmehr 30 Jahren (und netto 35 Mrd. Euro allein für die vier Millionen Iren), ihre Transferzahlungen einstellen, würde der Scheinwohlstand des Lan-
des regelrecht implodieren. Wie heißt das nochmal in der Euphemismensprache der europäischen Traumtänzer? "... Irland habe den Anschluß an das EU-Wohlstandsniveau nicht nur wegen För-
dermittel geschafft, sondern auch auf Grund von Investitionsanreizen." Letztere nennt man übrigens vulgo Steuerdumping.

Irgendwie gibt es Zwangshandlungen, die ganz schön lästig werden können. Sitze ich doch schon wieder da, still, mit gefalteten Händen. Und denke.




Montag, 01.03.04
Stauffenberg und der 20. Juli - eine filmische SMS zur Zeitgeschichte. Man sollte viel mehr deutsche Filme sehen. Wenn nur die Bezahlung besser wäre. Denn freiwillig tue ich mir das schon seit Jahrzehnten nicht mehr an, weder im Kino noch am Fernseher. Die Gründe alle aufzuzählen, würde zu weit führen: Teils zu dämlich, teils zu verstiegen, "sozialkritisch" oder "antirassistisch" mit der Brechstange - das muß ich nicht haben. Auch nicht die deutschen Schauspieler auf Max Rein-
hardts Spuren, die ihr "Aber ...!" immer schon eine Sekunde zu früh stammeln und dann auch noch die Pünktchen mitsprechen. Oder die gnadenlose Überexpressivität: "Kindchen, wenn Sie ratlos gucken, dann muß auch noch der Zuschauer in der letzten Reihe Ihre Ratlosigkeit mitempfinden!".

Und irgendwie kennt der deutsche Film keine Mitte, die Mitte des glaubwürdig inszenierten Melo-
drams, des solide gemachten Thrillers usw., da ist nicht viel in Deutschland. A propos Thriller: Der einzige deutsche Film (na ja, Ricola), der diesen Namen verdient, "Es geschah am hellichten Tag" von 1958 mit Rühmann und Fröbe (Wenn man bloß die grauenhaft banale "Filmmusik" ausblenden könnte), nennt sich schüchtern "Kriminalfilm". Gewiß, vom kritiklos überschätzten Faßbinder gibt es "Welt am Draht", Schlöndorff drehte "Die Geschichte der Dienerin".

Und sogar Zeitgeschichte kann in einer deutschen Produktion ohne die übliche Peinlichkeit thema-
tisiert werden, wie Josef Vilsmaier mit seinem Stalingradfilm gezeigt hat. Die bis ins Detail wunder-
bar authentischen Szenen des Films beschreiben, aber moralisieren nicht. Die scheinbare Deskrip-
tivität macht die düstere Klimax des sich anbahnenden Untergangs der 6. Armee nicht weniger eindringlich. So gehört Vilsmaiers "Stalingrad" in seinen ersten zwei Dritteln zum Besten, was der deutsche, nein der internationale Film überhaupt zum Thema Zweiter Weltkrieg hervorgebracht hat. Umso bestürzender der Stilbruch in dem (offenbar viel später und mit anderem Konzept ge-
drehten) letzten Teil.

Das weite Feld des guten, spannenden, authentischen Gebrauchsfilms liegt hierzulande brach. Das mag einerseits seinen Ursprung in den ziemlich unglücklichen Lizenzvergaben der Sieger von 1945 haben, deren Nutznießer Low Budget und B-Movie-Niveau für alle Zeiten als deutsche Standards etabliert haben. Über die exemplarisch verhängnisvolle Rolle von Artur Brauner und seiner "CCC"-Filmproduktion zu berichten, muß ich allerdings Branchenkennern überlassen. Des weite-
ren hat sich in München und anderen Hauptstädten des deutschen Nachkriegskinos seit den 60er Jahren ein bestimmtes Filmbiotop angesiedelt, in dem vor lauter filmenden Partylöwen die ernsthaf-
ten und begabten Filmemacher wenig Sonne sehen. Würde bei uns die Goldene Himbeere verlie-
hen, - ein mittelständischer Betrieb hätte mit der Produktion sein Auskommen.

Kein Mensch mit einer Himbeerallergie (oder gibt's das nur in erdbeer?) wird alle vier Wochen ausprobieren, ob die Unverträglichkeit noch vorhanden ist. Warum also tat ich mir das an: Ein neuer deutscher Film über Stauffenberg und den 20. Juli wird von der ARD ausgestrahlt, wegen der ZDF-Konkurrenz auf den 25. Februar vorgezogen, bedacht mit reichlich Vorschußlorbeeren von allen Seiten. Sogar der wohl etwas in die Jahre gekommene Joachim C. Fest ("Hitler. Eine Karriere") findet den Film beachtlich. Schau'n wir uns also doch einmal an, was die junge Gene-
ration mit dem Stoff anzufangen weiß. Denn bei dem Namen Jo Baier, der das Drehbuch schrieb und auch inszenierte, tippte ich intuitiv auf einen Filmneuling, dem man ja manches verzeihen muß, besonders die noch fehlende Selbsteinschätzung. Jo mei, wo i doch keine deutschen Filmerln net anschau. Das war ein schrecklicher Irrtum, Jo Baier ist ein überaus bekannter Regisseur von Hei-
matfilmen aus dem volksverbundenen Bayernland, den es nun in reiferen Jahren ins ernsthafte Genre zieht. Träger des Adolf-Grimme-Preises ist er auch. Ein Preis für political correctness, bei dem allerdings das einzig Interessante wäre zu erfahren, wer diese zweifelhafte Ehrung endlich mal ablehnt.

Armer Stauffenberg: Einer der konzeptionellen Ansätze des Films war wohl, den Bedürfnissen der heutigen jüngeren Generation entgegenzukommen und das Attentat auf der Actionschiene darzu-
bringen. Das Geschehen "hinter dem Geschehen", Motive, ethische Konflikte, ideologische Ver-
strickungen - also die gesamte innere Dynamik des Dramas - finden im Film nicht statt, und das mag so gewollt sein. Nur, was soll denn noch groß an Spannung aufkommen, wenn man die Grundfakten und den Ausgang schon kennt? Die drei Handlungselemente Durchführung des Atten-
tats / Verwirrspiel in Berlin / schließlich Verhaftung und Hinrichtung - das ergibt ein armseliges Plot, ein wenig fesselndes Verlaufsprotokoll der letzten 12 Stunden eines Staatsstreichs. Also wird hier und da nach einigen Switches zwischen den beiden Handlungssträngen ein wenig Menschli-
ches, Rückgeblendetes eingestreut, und das macht es erst richtig schlimm: "Ich fürchte mich so vor dem Sterben" teilt eine Mitverschwörerin etwas unmotiviert ihren Gefährten mit. Tja, wer tut das nicht, Kindchen? Oder die Szene "Letzter Abend im Familienkreis", wie aus einem ganz anderen Film hineingeschnitten.

Der Film will besonders jungen Menschen den Zugang zum Geschehen des 20. Juli erschließen. Doch außer ein wenig Neugier wird da wohl nicht viel erschlossen. Schon der Einleitungsteil muß bedenklich stimmen:

Ein paar Granatexplosionen, aufspritzende Erdfontänen in der Feldmark. Die unspektakuläre Qua-
lität der Bilder läßt den Schluß zu, daß es sich um richtige Kampfhandlungen handelt. Dann prescht eine ganze Kolonne Beiwagen-Kräder mit deutschen Wehrmachtsoldaten durch die Büsche. Aha, offenbar Zweiter Weltkrieg. Und Schnitt.
Nächste Szene, an die ich mich erinnere: Stauffenberg schreibt was. Freundlicherweise liest er dem Zuschauer aus dem Off vor, was er schreibt; es ist wohl ein Zitat aus dem ersten Kriegsjahr, wo Stauffenberg noch als durchaus überzeugter Nationalsozialist zu erkennen ist: Rassismus, Verach-
tung für den minderwertigen "polnischen Pöbel" in seinen dreckigen Dörfern. Bis zum Ende des Films erfährt der Zuschauer nicht, ob und wie weit Stauffenberg sich später innerlich davon entfernt hat. Und Schnitt.
Dialog: "Im Osten begehen SS und Wehrmacht Massenmorde an der Bevölkerung." Gesprächs-
partner: Schweinerei sowas. Und Schnitt.
Schnitt: Die Ostfront bricht (1943, irgendwann) permanent zusammen, Hitler ist unbelehrbar. Ge-
sprächspartner: Der Mann muß weg. Und Schnitt.

Ein ganz neuer Minimalismus: Drei, vier szenische Kurzbrüller vermitteln Situation und Vorge-
schichte: "Weltkrieg!", "Judenmorde!", "Führerwahnsinn!", das muß reichen. Mit diesem histori-
schen Hintergrundwissen ausgestattet, läßt der Zuschauer dann die "Chronik des 20. Juli" an sich vorüberziehen.

Die historische Durchdringung des Themas und deren inszenatorische Umsetzung gerieten denn auch mehr zur schlichten Penetration. Man könnte auch sagen: Hier hat sich jemand in so ziemlich jeder Hinsicht schwer am Stoff verhoben, seine eigenen Möglichkeiten völlig überschätzt.

Beispiel Kasino-Szene: Offizier sagt sowas ähnliches wie "Mistwetter heute". Darauf ein Oberst: "Lassen Sie das, Sie sind ja schlimmer als die Juden." Also antisemitisch waren auch viele. Inko-
härenz pur. Die absurde Schwachsinnigkeit dieses kurzen Wortwechsels sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Aber für ungläubiges Kopfschütteln bietet der Film auch vorher schon Gelegenheit. So etwa die Mikro-Episode "Stauffenberg im Afrikakorps", die im übrigen völlig erratisch, nämlich zusammen-
hanglos im Gelände des filmischen Handlungsraums herumliegt. (Na ja, immerhin weiß man hinter-
her, warum er später eine Augenklappe tragen mußte.) Da empfängt also der frischgebackene Afrikakämpfer Stauffenberg einen jungen Kompanieführer (Komme Sie auch aus Schwabe?), dessen ebenso motiv- wie atemlose Dauererregung höchstens dadurch entschuldbar wird, daß der junge Darsteller vielleicht die ganze Zeit an den nächsten Oscar für die eindringlichste Nebenrolle gedacht hat. Es wird ausgiebig geatmet in dem Film. Daß es den jungen Leutnant 1) dann beim anschließenden englischen Kurzangriff prompt erwischt, löst die Spannung auf etwas pietätlose Weise: Man ist erleichtert, daß das blöde Gehechel aufgehört hat. Aber nicht lange, denn umge-
hend wirft sich Kriemhild fassungslos schluchzend über Siegfrieds Leichnam, sprich: Stauffenberg über den Leutnant und gibt so dem Zuschauer implizite zu verstehen, daß er offenbar gerade seinen ersten toten Kameraden gesehen hat. Immerhin verblüffend bei einem erfahrenen Frontoffizier im vierten Kriegsjahr. Aber die psychologische Differenzierung bei seinen Figuren ist Baiers Stärke nicht. Wirklich nicht.

Die Szene, wo Stauffenberg (Sebastian Koch) und von Haeften (Hardy Krüger jr.) in Zeitnot die Bombe scharfmachen, vermittelt uns den enormen psychischen Druck, der auf den beiden lastet. Und zwar durch unaufhörliches erregtes Atmen der Protagonisten. Eine Szene, vor deren drama-
turgischer Peinlichkeit man selber den Atem anhält. Als Stauffenberg endlich die Bombe unter dem Kartentisch plaziert, kommt für einen Augenblick Spannung auf: Vielleicht flüstert er jetzt ja heiser, hinter vorgehaltener Hand, ins Publikum: "In der Tasche ist die Bombe, aber Hitler ahnt zum Glück nichts!" Möglich wär's, doch es bleibt uns erspart.

Irgendwann taucht kurz ein gewisser Adolf Hitler auf. Ein Hitler, der, maskenbildnerisch wohlge-
lungen, ansonsten zweifellos nur die Aufgabe hat, eine Prise Freddy Krueger ins triste Spektakel zu bringen. Was auch gelingt. Und Schnitt.

Nachdem sich die Chronologie des Attentats dann doch noch bis zum unglücklichen Ende in der Bendlerstraße durchgequält hat, ist die letzte Gelegenheit für einen szenischen Höhepunkt: Stauf-
fenbergs Hinrichtung. Gerade als der kommandierende Offizier des Wachbataillons sein "Legt an!" ruft, stürzt Stauffenbergs Adjutant v. Haeften in langen Dreisprungsätzen vor, um seinem Chef auch beim Erschossenwerden solidarisch zur Seite zu fallen. Die groteske Komik des Vorgangs (Haef-
ten war übrigens nach schwerer Verwundung invalide) wird durch Baiers unbegreiflichen Einfall, das Ganze auch noch in einer dramaturgisch funktionslosen Zeitlupe ablaufen zu lassen, nur unwe-
sentlich gesteigert.

Anders als in früheren Jahren stehe ich heute dem Widerstand eher positiv gegenüber. Spätestens seit Stalingrad war die Beseitigung Hitlers, dieser unheilvollsten Gestalt der deutschen Geschichte, nicht nur legitim, sondern staatsbürgerliche Pflicht. Aber ganz gleich wie man zu den Verschwörern des 20. Juli steht: Diesen Film haben sie nicht verdient.

1) Als Kompanieführer müßte er ja mindestens Oberleutnant gewesen sein, vielleicht habe ich mich verhört.




Freitag, 27.02.2004
Ronald Barnabas Schill - in memoriam. Unaufhaltsam naht der Tag der wohl endgültigen Wahrheit für Ronald Schill, den Populisten sine populo, aber beileibe (wollte sagen: bei Leibe!) nicht sine ira et studio: Die Hamburger Wahl am 29. Februar wird kein Comeback für Schill werden; daran können auch die Millionen seines bisherigen Todfeindes und jetzigen Verbündeten Bolko Hoffmann nichts ändern. Er wird in einigen Brennpunkt-Bezirken mit Sicherheit über 5% kommen, aber was nützt das schon, wenn man so unbesonnen die Wertschätzung der bürgerlichen Mitte verspielt hat? Und mit dem Hamburger Bürgertum wird zwar nicht unbedingt eine sprich-
wörtlich "hanseatische Intelligenz" assoziiert (wie denn auch, angesichts 44 Jahren SPD), aber auf die hanseatische Wohlanßßtändigkeit wird schon noch geachtet.

Es ist wohl eine naturnotwendige Eigentümlichkeit von fragwürdigen Aufsteigern, daß sie beim Aufstieg eine Korona noch fragwürdigerer Kampfgefährten mitbringen. Auch ein Ronald Schill konnte (wollte?) da nicht allzu wählerisch sein. Nun ist er letzten Sommer über eine solche Figur gestolpert, nun ja, und wer lang hat, schlägt lang hin. Bei aller gebotenen Skepsis gegenüber dem, was unsere Medien so unter Berichterstattung verstehen - der Staatsrat Wellinghausen war ganz offensichtlich nicht zu halten. Ich glaube nicht, daß Ole v. Beust sich politisch korrekt verhalten hat mit der Art, wie er damals Schill so einfach vor die vollendete Tatsache stellte. Andererseits hat er geschickt Schills Dilemma ausgenutzt: entweder den Kungelkumpel fallen lassen oder selbst gehen. Schill verwandelte es in ein Trilemma: Abgang durch die Klärgrube.

Das war menschlich so mies, daß das nun losbrechende obligatorische Betroffenheitsgeschmadder der politischen Klasse ausnahmsweise die emotionale Reaktion im Lande korrekt wiedergab. Je-
doch - über die bebende Entrüstung ob der würdelosen Selbstdemontage eines Politikers breitete sich zusehends das beseligte Lächeln der Erleichterung: Der einzige, der Schill kippen konnte, war er selbst. Danke Schill! Selbst die mehr öffentlichen als rechtlichen Politmagazine erlegten sich we-
nig Zwang auf, diese Erleichterung zu verbergen, und sparten nicht mit Häme. Schlagartig wurde es noch einmal klar, wie tief auf der Linken die Furcht vor dem Mann und seiner politischen Potenz saß. Die Vorstellung, die von ihm vertretene bürgerliche, noch nicht einmal besonders "rechte" Ge-
genideologie könnte wie in Holland, Frankreich, Dänemark, Österreich auch in Deutschland viru-
lent werden, - ein Albtraum.

Worin bestand diese politische Potenz?

Schill ist kein brillanter Analytiker; seine Ideen waren Ausdruck des gesunden Menschenverstan-
des. Und wer, wie die Linke, an diesem gesunden Menschenverstand vorbeiregiert, schafft gefähr-
liche Protestpotentiale. Wobei ohne Umschweife einzuräumen ist, daß - jedenfalls auf Bundes-
ebene - "die Opposition", ob schwarz, ob gelb, eine etwas problematische Alternative darstellt: die Alternative zwischen Pest und Cholera, zwischen Torheit und Narretei: Nach den nächsten Wahlen wartet auf uns derselbe Albtraum von Klientelwirtschaft und Inkompetenz in Süßlila. Gerade weil auch viele CDU-Stammwähler die notwendige Kraft des unverbrauchten gesunden Menschen-
verstandes bei Schill und nicht bei ihrer eigenen Partei sahen, konnte er der CDU so viele Wähler abnehmen.

Zweitens: Schill trat gegen den allmächtigen Filz an, stand also für die Gegenutopie von Anstand, Redlichkeit, Transparenz in der Politik. Daß er mit seiner eigenen Truppe gerade diese Werte zu keinem Zeitpunkt glaubwürdig umgesetzt hat, sei nur am Rande vermerkt und verleiht seinem Straucheln über die Wellinghausen-Affäre eine gewisse Symbolik.

Schließlich ist Schill ein Charismatiker, und ohne ihn wird keinem der Bruchstücke seiner "Partei" eine große Zukunft beschieden sein. Die per definitionem gemäßigte (klein-)bürgerliche Klientel einer Law-And-Order-Partei konstituiert und artikuliert sich selten über Demos und Sitzblocka-
den. Die für derlei Aktivitäten erforderliche psychische 'Dynamik' findet sich eher bei Zivilisations-
geschädigten im allgemeinen, Angstneurotikern im besonderen (nächster GAU: morgen 15h), ver-
waisten APO-Demonstrierern usw. Wie viele Beispiele zeigen, hängt stattdessen der Erfolg an der charismatischen Leitfigur, die fruchtlose Programmdebatten überflüssig macht und außerdem als symbolischer, fast wortloser Übermittler der programmatischen Botschaft fungiert. Letzteres ist besonders wichtig, wenn effizient kontrollierte Medien die Opposition und ihre Anliegen schlicht zum Unthema erklären und ignorieren.

Dieses eher seltene Zusammentreffen der Faktoren gesunder Menschenverstand, Redlichkeit und Charisma ermöglichte es, die Blockade des politisch-medialen Establishments kurzzeitig zu durch-
brechen.

Aber, wie schon gesagt: Schill ist kein Analytiker. Ich schrieb es schon vor zwei Jahren: Mit einem Ein-Punkte-Programm kann man auf die Dauer keine Politik machen. Nun läßt sich einwenden, daß es ja drei Punkte waren, nämlich Kriminalität, Jugend/Erziehung und Ausländerfrage; aber der gemeinsame Nenner erlaubte die Zuspitzung. Diese durchaus sympathische, aber amputierte Pro-
grammatik, die damals als Kritik und Lösungskonzept genau den Nerv der Hamburger traf, - heute ist sie Beleg für schlichtes Nichtbegreifen der Problemlage. Die heutige Problemlage ist auch in Hamburg die unseres ganzen Landes, dessen ökonomische und soziale Strukturen untergehen, dessen Systemparteien angesichts des von ihnen selbst verschuldeten Bankrotts sich auf die Logik "Alte und Kranke raus aus den Rettungsbooten, Gäste sind willkommen" verständigt haben. Bin-
nen Monaten hat die 'Sanierung' des Sozialstaats per Insolvenzverfahren in Deutschland ein Millio-
nenpotential von enttäuschten, geprellten, verängstigten und daher gefährlichen Menschen erzeugt. Was würden diese Menschen wohl tun, wenn da plötzlich, im "Superwahljahr 2004" eine neue Partei sich auftäte, eine ehrlich soziale (vielleicht sogar sozialistische?) Partei mit einer undogma-
tischen, unmarxistischen, knallhart an den ökonomischen und sozialen Interessen der (deutschen) Bevölkerung orientierten Programmatik? [Ich weiß nicht, was die Leute täten. Ich weiß nur, daß ich sagen würde: "Wie schön, daß ich das noch erleben darf, wo kann ich mithelfen?"]

Wenn die blöde Phrase vom Scheitern als Chance überhaupt einmal eine Bedeutung hatte, dann für Schill: Ohnehin auf dem Nullpunkt angekommen, war er durch nichts daran gehindert, sein Programm um die entscheidenden Punkte zu ergänzen, welche die Wähler hätten aufhorchen las-
sen. Stattdessen tut sich der Unglücksmensch mit dem intelligenten, aber politisch perspektivlosen Bolko Hoffmann zusammen, und alles, was er anzubieten hat, ist, daß er Junkies und Stricher vom Hamburger Hauptbahnhof vertrieben hat!

Nun also: Der Eulenspiegel ist in das Kostüm des Ritters von der traurigen Gestalt geschlüpft und schickt sich an, erst einmal abzutreten, vielleicht für immer. Eigentlich schade, nicht nur wegen der Späße, die uns nun entgehen, nein, ganz ernsthaft, es war nicht alles verkehrt. Natürlich, man faßte sich schon mal vorsichtig an den Kopf, als er die Schote mit den neuen Polizeiuniformen abzog: So ganz erwachsen wird der wohl nie, oder? Bei den achteckigen Mützen tauchte vor meinem geisti-
gen Auge weniger NYPD auf als der Polizeichef von Entenhausen, mit dem Hamburger Michel im Hintergrund ... Und das Ding mit dem noch nicht ganz ausgereiften Betäubungsgas nach Moskauer Rezeptur war auch nicht übel.

Aber als abschließenden Epitaph setze ich hier noch einmal die Erinnerung an Schills Auftritt im Bundestag am 29. August 2002, als er die bewährte Dramaturgie des parlamentarischen Betrof-
fenheitsgequassels zum Thema Oderflut durch eine - passend zum Thema Flut - nahezu uferlose Generalabrechnung mit den Regierungsparteien sprengte.

Der Skandal, den er damit fabrizierte, - worin bestand der eigentlich? Darin, daß Schill den Herr-
schaften von der parteiübergreifenden Murks- und Wurschtelfraktion in Berlin klipp und klar sagte, was zu sagen war?

So fragte er z.B.: "Was ist aus Deutschland geworden, daß die benötigten 7,1 Milliarden Euro nur durch faktische Steuererhöhungen finanziert werden können?" Das war keine skandalöse
Frage, sondern die Frage, die die Mehrheit in unserem Land die ganze Zeit beschäftigte.

Aber vielleicht war Schills Unsachlichkeit der Skandal? Denn auf den Zwischenruf von Ludwig Stiegler [SPD]: "Sie müssen zur Sache reden!" besaß der Mann doch die Frechheit, die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit: "Ich rede zur Sache. Es besteht näm-
lich aufgrund der Flutkatastrophe die Notwendigkeit, die Steuern zu erhöhen. Mit den Ursa-
chen für diese Notwendigkeit sollten Sie sich einmal befassen; denn Sie gehören zu den Verantwortlichen..."

Die Fortsetzung zeigt, daß Schill bei der Aufzählung des finanzpolitischen Sündenregisters der Par-
teien die vorhandenen Möglichkeiten gar nicht nutzte, sondern die kleinen Schlawiner eher schonte. Hätte er seine Hausaufgaben gemacht, wäre die Abrechnung ungleich schmerzhafter geworden. Immerhin, was er vorbrachte, das saß auch schon:

"Wie gesagt, es hat eine Zuwanderung stattgefunden, die zu Lasten der Sozialkassen geht.
  ....   Was lernen wir daraus? - Wir lernen daraus, daß es eine verdammt teure Entwicklung gewesen ist.   ....   Jetzt fehlen die nötigen Gelder für Hilfsmaßnahmen, die in den USA bei vergleichbaren Katastrophen aus der Portokasse finanziert werden. Wir haben uns etwa den Luxus geleistet, in der Zeit des Bosnien-Bürgerkriegs doppelt so viele Bosnier nach Deutsch-
land zu holen wie sämtliche Staaten der Europäischen Union zusammen.  ....   In den letz-
ten Jahren wurden jedes Jahr über 10 Milliarden DM für Flüchtlinge in Deutschland ausge-
geben. Dieses Geld fehlt jetzt an anderer Stelle. Sehen Sie es endlich ein! Wer mir vorwirft, ich würde das Leid der Flutopfer gegen das Leid der Flüchtlinge ausspielen, dem kann ich nur sagen: Nur ein Rabenvater lässt seine Kinder darben, während er sich um unbekannte Gäste kümmert.

Sie haben in der Vergangenheit das Geld verfrühstückt und haben es mit der Gießkanne über die ganze Welt verteilt, so daß Deutschland diese Katastrophe nicht mehr angemessen bewältigen kann. ... "

Man muß Schills Kritik (und Gewichtung) hinsichtlich der Ursachen der deutschen Finanzmisere nicht teilen. Vor allem erfaßte sie ja nicht alle ursächlichen Faktoren, ja noch nicht einmal die wich-
tigsten. Aber die Urheber des Übelstandes, nämlich die (Bonn-)Berliner Systemparteien und ihre kaum zu begreifende Unfähigkeit, mit Geld verantwortungsvoll umzugehen, die hat Schill, seinem Ruf getreu, gnadenlos bloßgestellt. Unsachlich war die Kritik eben nicht, nur ein unverzeihlicher Tabubruch. Gerade das hat Schill ja den Haß der gesamten politischen Klasse dieses Landes zu-
gezogen. Denn er rührte an die Erbsünde dieser Schuldenrepublik, über die man parteiübergreifend lieber den Mantel des Totschweigens breitet: " .... Sie haben in der Vergangenheit das Geld ver-
frühstückt und haben es mit der Gießkanne über die ganze Welt verteilt, so daß Deutschland diese Katastrophe nicht mehr angemessen bewältigen kann. ... " Noch präziser konnte man's doch nicht auf den Punkt bringen.

Merkwürdig - wenn es denn in der deutschen Parteipolitik, speziell den Parlamentsdebatten, so etwas wie eine politische Kultur gibt, dann doch wohl die, daß jede Problemdiskussion zu 95% aus gegenseitigen Schuldzuweisungen besteht. Nichts anderes machte Schill: eine längst überfällige Schuldzuweisung.

Aber das durfte er nicht. Der nicht!

Dabei ist gerade die Geschichte des Deutschen Bundestages nicht arm an skandalösen Unsachlich-
keiten und Entgleisungen. Der oben erwähnte Ludwig Stiegler, der seit Jahren mit seinen unver-
meidlichen Ausfällen den Fraktionsclown gibt, ist selbst ein gutes Beispiel. Herbert Wehner - in der SPD inzwischen längst stillschweigend heiliggesprochen - sorgte fünfundzwanzig Jahre lang mit sei-
nen proletarischen Pöbeleien für ein hohes Unterhaltungsniveau.

Na, und im Jahre 1984 hielt die Welt kurz den Atem an, als ein junger Abgeordneter der Grünen den Bundestagspräsidenten Stücklen knapp und präzise über den Sachstand aufklärte: "Mit Ver-
laub, Herr Präsident: Sie sind ein Arschloch!"  Solche Kunde kam damals von unserem heutigen Außenminister "Joschka" Fischer. Aber zur Licht- und Epochengestalt unseres potemkinschen Außenministers kommen wir ein andermal.

Bliebe noch die Kontroverse um die Überziehung der Redezeit. Wenn man nicht das Bundes-
tagsprotokoll, sondern einen vollständigen Videomitschnitt der Sitzung durchgeht, müßte da eine Stelle auftauchen, wo die Präsidentin, Antje Vollmer, einem Amtskollegen Schills (Milbradt?) wörtlich sagt: "Herr Ministerpräsident, Sie haben unbeschränkte Redezeit." Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Womit wir wieder bei der Metapher vom zweierlei Maß angekommen wären.

Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung Ronald Schills gar nicht in dem, was er selbst tat, son-
dern mehr in den vielfältigen, entlarvenden Reaktionen in der deutschen Politik, die er katalytisch hervorgerufen hat.




Dienstag, 24.02.2004
Tatsächlich, ein paar aufmerksame Menschen signalisieren mailends, daß mein Schweigen bemerkt wurde. Das kann, neben ausbleibenden Einfällen, ganz verschiedene Gründe haben. Ereignisse, die man kommentieren könnte, gibt es bekanntlich genug. Aber ich muß zugeben, daß ich offenbar ein Mensch mit gewissermaßen "floatenden" Prioritäten bin, mal freiwillig, mal weniger.

Meine neueste Ausrede: Im Januar unterzog ich mich einer jahrelang hinausgeschobenen Operation an der Hand, und 'Schreibmaschine einhändig' mochte ich dann doch nicht ausprobieren.

Flüchtiger Gedanke beim Nachhausekommen: Solange man aus dem Krankenhaus nur ein paar Gramm leichter herauskommt als man hineingegangen ist, ist man noch nicht wirklich alt. Hm, könnte für die Gelenkprothesen hinkommen, was wiegt überhaupt Titan? Für die verkleinerte Pro-
stata meines Bettnachbarn trifft es wohl weniger. Und die anhaltende Epidemie der Silikonhöcker und -wülste macht dem schüchternen Theorieansatz vollends den Garaus. Tunlichst verneigt man sich wieder einmal respektvoll vor dem einsamen Goldkorn inmitten des Abraums von Sir Karl Raimunds Common-Sense-Ausschüttungen: Jenseits der Falsifikation ist kein Heil. Jedenfalls so-
lange man Quantoren für die altrömischen Vorläufer der Finanzbeamten hält, und Ereignisräume für die Studios von "Wa(h)re Liebe" ...

Ja, also die Gesundheitsministerin und ihre Reform geraten natürlich auch in den Blick. Jedesmal wenn ich, wie jetzt eben, mit dem kleinen Finger CTRL statt SHIFT erwische, erinnert mich das daran, wie doch diese neue Sicherung des sozialen Standards so wundersam fein erdacht und zierlich ins Werk gesetzt ist. Die tolle Narbensalbe, von der Chirurgin dringend empfohlen, stellt sich als nicht rezeptpflichtig und daher nicht erstattungsfähig heraus und ist tierisch teuer. Sauerei, warum mixen sie nicht wenigstens etwas Formaldehyd ('cancerogen' - die Pathologen schmunzeln) oder einen anderen Trigger für Angstneurosen rein, damit das Zeug rezeptpflichtig wird? [Gar keine schlechte Idee, muß ich mir patentieren lassen. Beim Europäischen Patentamt hat man für Trivialpatente schon fast so ein großes Herz wie in Amerika.] Erst jetzt erfahre ich, daß für eine Übergangsfrist von drei Monaten (irgendwie typisch, diese kleinen Schummeleien, nicht?) auch ungefährliche Medikamente noch verschrieben werden können. Zu spät, das Haus ist verkauft.

Natürlich gibt es noch mehr Ablenkungen, die mich manchmal vom Schreiben abhalten. So ließ ich mich z.B. vor zwei Jahren auf eine Diskussion meiner Ausländerseite in einem Sportforum ein. (??? Sie als Schachspieler??!!! Ja, ja, ich faß' es selber nicht. Aber es waren meist junge Leute, und bei einigen wenigen gelang es mir wohl, ein paar Schrauben neu einzustellen. Bei der Mehrheit blieb, wie wohl bei allen Foren mit jugendlicher Besetzung, das Fazit: Je feuchter die Nase, desto größer die Näsigkeit. Sehr zeitraubend, das Unternehmen, und der einzige echte Nutzen war die Selbst-
vergewisserung. Immerhin führte mein Ehrgeiz, meine rigorose Ablehnung der Zuwanderung mit möglichst viel Fakten zu stützen, zu einer Materialfülle, die mich selbst erstaunte und eigentlich einen gesonderten Anhang zum Thema "Zuwanderungseuphorie und Todessehnsucht in dekaden-
ten Gesellschaften"
wert wäre. Na, wenn ich mal Zeit habe, also nach der Rente...

Und nun zum größten Zeitraub aller Zeiten: Ende 2002 beschloß ich, meiner alten Abneigung gegen alles, was mit Intel oder Microsoft zu tun hat, neue Nahrung zu geben und Teile meiner in fünfzehn Jahren entwickelten Software aus der lichten, cartesianischen 68000er-Welt der richtigen Computer in Dr. Caligaris Kabinett der eventmäßig zerhackenden Windowsprogrammierung zu portieren. Die Aussicht war deprimierend, denn hochgetakteter Müll ist auch Müll, oder? Aber erstens ist das die Dreingabe für Farbgrafik und Speicher satt, und zweitens Pech für Atari, wenn nichts Neues nachkommt.

Pascal und C hatte ich so um 1990 flüchtig analysiert und kopfschüttelnd beiseitegelegt, mit der begründeten Hoffnung, ihnen nie wieder zu begegnen. Und jetzt? So muß es einem Typen zumute sein, der am Altar von dem zahnlosen Lächeln einer vor Jahrzehnten bei Hellwerden fluchtartig verlassenen One-Night-Verlobten erwartet wird, zwecks später Vernunftehe. Und objektorientiert isse inzwischen auch noch.

Ich will die Anmaßung nicht übertreiben. Wer in reiferen Jahren und bei einer unnachsichtig nach dem Münteferingprinzip ablaufenden zerebralen "Stabilisierung auf hohem Niveau" die unendlichen Bibliotheken objektorientierter Umgebungen wie Delphi oder C-such-dir-was-aus oder Windows selbst betritt, der sollte Kafka und Borges schon gelesen haben, also die Sache entfremdet, zumin-
dest fatalistisch sehen. Und es ist tröstlich zu wissen, daß in der Masse der zahllosen DLLs und sonstigen Hilfsprogramme mit ihren kryptischen Namen vermutlich neben 25% Nutzinformation nur 75% Compilerschrott enthalten ist, der - falls er überhaupt einen rationalen Sinn hat - neugierigen Zeitgenossen das Reverse engineering (also das unerwünschte Analysieren der Software) vermie-
sen soll.

Daneben bleibt als geistige Herausforderung der Übergang vom prozeduralen "Machst du mal bitte das Küchenfenster auf?" zum objektorientierten  "Kitchen.Window.Open := True.Eyh!".

Lasse ich die Entwicklungen der letzten zwei, drei Jahrzehnte Revue passieren, so stelle ich fest: Der ganze Hype um die ach so modernen Programmierkonzepte nährte und nährt sich wesentlich aus den kommerziellen Interessen der Hersteller sowie der irrationalen Wundergläubigkeit und vor allem der Eitelkeit vieler Programmierer. Ohne diesen permanenten Wettbewerb der Wichtigtuer wären Scheußlichkeiten wie Pascal und besonders C rechtzeitig in den Windeln erstickt worden, bevor sie und ihre non-prozedurale Nachkommenschaft sich weiter ausbreiten konnten. Aber Cre-
do quia absurdum oder so. Man müßte direkt mal nachforschen, ob Feuerbachs Religionskritik durch Andersens "Kaisers neue Kleider" inspiriert wurde oder umgekehrt... Was soll's - wer 'die Website' (femininum) schreibt, liest ohnehin nicht Feuerbach.

Da ich mir weder den MS-InternetExplorer noch Outlook antue, kann's mir ja egal sein. Aber wenn man sich sonst schon nichts gönnt, dann wenigstens einen Anflug von Schadenfreude: Die häufigen Virenattacken über den berüchtigten "Buffer Overrun" weisen überdeutlich auf einen ka-
pitalen Gendefekt von in C geschriebener Software hin, und alles ist baß erstaunt, jedesmal von neuem. Das beleuchtet auch die eigene Ästhetik des Monopols: Microsoft hält Tonnen von Win-
dows-Quellcode bis heute geheim. So geheim, daß sie wohl selbst nicht ahnen, an welcher Stelle das nächste Virus ansetzen wird. Und die einzige Alternative zu Windows ist die nächste Version von Windows.
Ach ja, Linux. Aber das ist auch in C geschrieben.

Und schließlich gilt immer noch: Irren ist menschlich; aber wenn man richtigen Mist bauen will, braucht man eben einen Computer.



Mittwoch, 28.07.04
In dieser schnell lebigen Zeit. Irgendwie turbogeil, diese Intro, beinahe wie der hammerartige Anfang von diesen Papst-Flyern, ja richtig, Enzyklika heißen die. Rerum novarum! Quanta costa! Quousque tandem, Catilina - ach das war ja dieser andere, Dingsda. Aquis submersus - nee, Storm, der war mehr so Protestant, oder? Ach was, sowieso wszystko jedno, würde Johannes Paul sagen, wenn keiner zuhört. Überraschend lang lebig, der Bursche, nicht?

Womit, wie sich zeigen wird, der Kontakt zum eigentlich angepeilten Tema "recht Schreibung" doch noch hergestellt wäre. Denn der Auslöser für diese kleine, alberne Betrachtung war, daß mein reformgeschärfter Blick irgendwo an dem Wort "Langlebigkeit" hängen blieb, welchselbiges wiederum zur Unterschrift eines Fotos gehörte, auf dem eine Hand zu sehen war. Die Hand war mittelgroß. Und sie war nicht leer. Es war vielmehr eine wohlgefüllte Hand. (Na bitte, ich glaub' bald, an mir ist ein zweiter Heinrich Böll verloren gegangen; aber nein, im Auswalzen von Sprach-
müll zu literarischem Blattgold bleibt er unerreicht.) Kurz - es war eine mittelgroße Hand voll Se-
nioren in der Sonne Mallorcas, die mit Strohhut und so, aber ohne jedes rentenpolitische Verant-
wortungsgefühl besagter Langlebigkeit frönten. Dabei ist recht Schreibungs mäßig wichtig, daß es sich nicht etwa um eine Handvoll, sondern um eine Hand voll Opas und Omas handelte; so will es die Kommission.

Nun mochte ich allerdings dem Zeigefinger des zugehörigen Artikels nicht folgen, der klar die Denkrichtung wies: Die Alten müssten wohl oder übel in Demut das annehmen, was die jüngere Generation bzw. die Wirtschaft abgabentechnisch für sie erübrigen können; diese Denkrichtung missfiel mir schon allein deshalb, weil die Alten als Junge selbst reichlich eingezahlt haben und jetzt mit Recht und ohne die geringste Dankbarkeit fragen können, wo ihr Erspartes denn geblieben ist und wann dieses blöde Alibi-Gequatsche vom nicht richtig funktionierenden Generationenvertrag endlich aufhört. Nein, an dem Tag war ich nicht auf Stress aus; vielmehr wunderte ich mich, dass das Wort 'langlebig' dem Reformeifer unserer Schreibreformer entgangen und nicht längst zu 'lang lebig' mutiert ist.

Die lange schon geforderte Reform der Rechtschreibung ist Lobens Wert, was auch immer der Wert des Lobens sein mag. Denn sie vereinfacht vieles, weil man nunmehr mit bloßer Logik und ohne sich all diese blöden Sonderschreibungen merken zu müssen, zur richtigen Ortografy kommt. Das bricht die sozialen Barrieren der Schichtensprachen auf und kommt dem bekannten Hang der modernen Jugendlichen zu deduktivem Denken entgegen.

Die Sorgfalt, die hier auf die Zerlegung unsinniger zusammen-Schreibungen und die damit verbun-
denen Substantivierungen verwendet wurde, sollte man nicht gering achten. Besonders dieser Re-
formteil legt auch Zeugnis ab für eine unglaubliche Sprachsensibilität der Reformer; denn diese braven Leute reformierten Hunderte von Missssständen (richtig so?), die seit dem dreißig-jährigen Krieg kein Schwein bemerkt hatte.

Nehmen wir nur einmal das Leid geprüfte Leid: Aus den nichts sagenden 'Leidtragenden' wurden 'die Leid Tragenden', die uns nie dagewesene sprachliche Horizonte eröffnen. Aus gehend vom neu entdeckten verbaladjektivischen Charakter des Tragens, kann man den Leuten so richtig beim Selbigen zu schauen, wie sie da so heftig tragen, ab und zu die Schulter wechseln, das Leid mal für einen Moment abstellen und so weiter. 'Die tiefes Leid Tragenden', das ist trivial, aber jetzt das ad-
verbial innovative: 'die beherrscht Leid Tragenden', 'die gegen Bezahlung Leid Tragenden' --- bravo!

Oder die Apotheose des Gehens zum Gehendsten: Natürlich war es stilistisch immer schon kor-
rekter, von weitestgehender Übereinstimmung zu sprechen, und nicht von weitgehendster, aber die Steigerung des Adjektivs war zulässig, weil die Gesamtbedeutung ein quantitatives, mithin Steige-
rungs fähiges Element enthielt. Jetzt liest man mit etwas Glück 'weit gehendste Übereinstimmung' und freut sich unbändig.

Und das ist natürlich nicht alles: Reichlich sprudelt es aus dem Quell der linguistischen Kreativität: Das hoch fliegende Flugzeug bekommt Gesellschaft von den hoch fliegenden Plänen (der Reformer z.B.). Und wenn Gewinn bringende Tätigkeiten an sich schon erfreulich sind, dann hält es den re-
formierten recht Schreiber vor Begeisterung rein garnicht mehr auf dem Stuhl, sobald es sogar noch bringender als bringend wird, nämlich noch Gewinn bringendere Möglichkeiten auftauchen. Wie gesagt: keine Sonderschreibweisen, pure Logik.

Verzeihung, stimmt das eigentlich?: Wir schreiben immer noch 'Lobens wert' oder gar erzkonser-
vativ 'lobenswert'? Und auch 'wert sein' und nicht 'Wert sein'? Ach so, da die Jugendlichen ja so toll in Logik sind, gibt es für sie eine einfache Regel: bei 'sein' klein, bei 'tun' grosz (vorschlage Rückkehr zum ursprünglichen 'sz'). Also 'es tut mir Leid', 'sie tut ihm Schön' -- äh nein, da gilt schon wieder eine andere, mir unbekannte Regel: 'schöntun'. Aber 'Es hat überhaupt nicht Weh getan', das ist ja wohl richtig! Ätsch, wieder verkehrt, 'wehgetan' muß es heißen.

Ja, irgendwie ist die versprochene Logik wohl eine Logik der Dritten Art. Was natürlich keines-
wegs auf die beleidigende Unterstellung hinaus laufen soll, die Urheber könnten sich an Tarskis dreiwertiger Logik versucht haben. Wer in Germanistik oder Soziologie promoviert hat, vielleicht mit einer Dissertation über "Schichten- und geschlechtsspezifische Kommunikationsökologik in liquiddeterminativen Entsorgungsszenarien" (zu deutsch: Männergespräche beim Pinkeln), steigt in solche Niederungen nicht hinab. Aber, kaum wage ich es zu fragen: Ist es für eine Zielgruppe, die offen sichtlich überfordert ist, 'Delphin' zu buchstabieren, und deshalb 'Delfin' schreiben darf, eine Vereinfachung, daß man einerseits 'eine Erfolg versprechende Maßnahme' schreibt, dann aber wieder 'eine höchst erfolgversprechende Maßnahme'? Die bisherigen Erfolge, besonders bei den ganz neuen Falschschreibungen wie 'du bist Schuld', 'dummer Weise' usw. (auch bei SPIEGEL-
Jungjournalisten beliebt) versprechen in der Tat weitere: Man fragt sich Erwartungs voll, was wohl noch versprechender sein kann als Erfolg versprechend, und landet dann Zwangs läufig beim 'Er-
folg versprechendsten' Reformkonzept aller Zeiten.

Aber an Sonsten habe ich besonders durch die aus ein Ander Schreibung von zu Sammeln gehö-
rigen Wörtern wieder neuen Spaß am Lesen gewonnen. Es ist nur Schade und gleicher Maßen bedauerlich, daß die unfrei willige Komik dieser so genannten Reform nach dem Motto 'Von Latz-
hosenträgern für Gepiercte' von den irre geführten Insassen unserer Ganztagsschulen wohl erst in späteren Jahren begriffen werden wird. Und witziger Weise werden die Meißten auch die etymo-
logische Sorgfalt nicht würdigen können, die aus dem vulgären 'behende' das lang entbehrte 'be-
hände' werden ließ, weil so etwas aus Gefallenes sowieso nicht mehr in dem Türkdeutsch-Wort-
schatz dieser Bängel vor kommen dürfte. Daß dieser Kwatsch dann schon wieder in der Versän-
kung verschwunden ist, wage ich nicht zu hoffen. Wahr scheinlicher ist, dass sie inzwischen auch noch die Möglichkeiten des Partizips Perfekt entdecken und uns vielleicht die 'Versünkung' be-
schären. Und wie Lehr reich das doch ist: Erst nachdem ich kappiert hatte, daß stehter Tropfen echt den Stein höhlt, fiel mir auf, welche enormen Lücken in der sprachlogischen Konsistenz des bisherigen Idioms endlich geschlossen wurden. Und zwar Dank dem Angaschemang - wie du mir, so ich dir, sagte das Portmanee - unserer Renovierer: Die stränge Regelhaftigkeit der Beziehungen, z.B. Verb -> Substantiv oder Substantiv -> Adjektiv (wie bei Grauen -> gräulich, Aufwand -> aufwändig, Auswand -> auswändig -- äh, na ja, so ähnlich jedenfalls), das ist nieder schmetternd und erhebend zugleich. Und man lernt so viel über seine Muttersprache, und was man alles falsch gemacht hat. So steht ab sofort auf meinem Einkaufszettel natürlich "Mähl", weil es doch von 'mah-
len' kommt. Anderer Seits konnte ich z.B. jetzt erst aus der Schreibung des Substantivs 'Schelte' schlüssig ableiten, daß das zugehörige Verb nicht 'schelten/schalt/gescholten' konjugiert wird (hätte ja sonst 'Schälte' heißen müssen), sondern 'schelten/scheltete/gescheltet'. Echt stark diese schwa-
chen Verben.

Es macht mir immer noch ein gewisses Vergnügen, über die Ursprünge der Schreibung '50-Jährige' usw. mit dem großen "J" zu räsonnieren. Gern stelle ich mir dann vor, wie Scharen von gepiercten zukünftigen Bulmahn-Eliteuniversitäts-Absolventen im Unterricht für Sekunden ihre Deduktivität anschalteten und den falschen Schein der Rechtschreibung unter den Bedingungen des entwickel-
ten Industriekapitalismus hinterfragten: "Also, äh, wenn man 'Drei' so ganz normal in Buchstaben oder so schreibt, dann wird doch 'der Dreijährige' großgeschrieben, weil, äh, das ist doch ein, äh, ... -- ja, Nomen, mein' ich auch. Also wenn man jetzt aber '3' schreibt, also, äh, als Zahl, das müßte doch auch irgendwie groß geschrieben werden, oder?" Die Kommissionäre der "zwischen-
staatlichen Kommission" begriffen selbst verständlich diese profunde Gedankenführung als Teil eines gesamtgesellschaftlichen kritischen Prozesses hin zu mehr Chancengleichheit, und voilà, das große "J" war geboren.

Hm, von der Analogie zur Deduktion ist nur ein Schritt, ungefähr 2500 Jahre europäische Philo-
sophiegeschichte reichten völlig aus. Und rückwärts geht's noch schneller, wie die Reform zeigt: Endlich kommt die Lieblings-Denkform der Bildungs mäßig unter-Privilegierten zu ihrem Recht: der Analogieschluss. Denn so richtig deduziert ist da ja nichts, is mehr so Logik im Embryonalstadium oder so, also genau die Methode, welche die Religion der Chancengleichheit hervor gebracht hat und Ziel strebig von Erfolg zu Erfolg steuert. Das ist ja vielleicht auch der eigentliche Witz an der Reform: Stimmigkeit, Regelkonsistenz sind unwichtig, was zählt, ist die Chancengleichheit.

Etwas ärgert mich dabei jedoch ungemein: Das ist die Weigerung (Versehen? Absicht???!!!), die Vorteile der neuen Grosz-Schreibung-mitten-im-Wort ("-Jährige") einigen Wörtern zu kommen zu lassen, anderen aber vor zu enthalten. Chancengleichheit auch für die Wörter selbst! fordere ich. Mit wenigen Beispielen nur kann ich auf diese Himmel schreiende Ungerechtigkeit aufmerksam machen:

So erfreulich es ist, daß die 1-Seitigkeit unserer Duden-Gelehrten endlich der viel-Falt der Belie-
bigkeit gewichen ist, - ein wenig stört doch die 3-Teilung (drei-Teilung) unserer Gesellschaft in 20.000 Befür-Worter, 50 Millionen Gegner und die vielen Indifferenten. Ja, manchmal ertappe ich mich aber auch bei der Vorstellung, wie ich, als 18-Jähriger, die viel-Seitigkeit besitze, den neun-
Schüssigen aus der Tasche zu ziehen, den ganzen analphabetischen Reformladen auf zu mischen, und dann, die Megatorte neben mir, im endgeilen 2-Sitzer mit dem 5-Fachen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit entbrause. Auf die neue heilige 3-Faltigkeit von Inkompetenz, Logikabsti-
nenz und Arroganz bei den Schreibreformern werden wir vielleicht noch ein Mal etwas ernster zurück kommen. Schlösslich ist das Tema ja -- hie Sommerloch, hie Landtagswahl-Stimmenfang -- wieder topp aktuell.


Mittwoch, 30.06.2004
Bundespräsidentenwahl, die Dritte. Nun wartet also ein neuer Präsident unserer etwas angeschlagenen Republik auf seine Vereidigung, und es ist an der Zeit, ihm für die kommenden Reden, in denen er uns seine wohlgemeinten Ratschläge mitteilen wird, ein paar wohlgemeinte Ratschläge zu geben. Wäre ich nicht so entsetzlich schreibfaul, würde ich Prof. Horst Köhler vielleicht einen Brief schicken, der wie folgt lauten könnte:

"Sehr geehrter Herr Bundespräsident in statu nascendi,

wie es sich gehört, beglückwünsche ich Sie zu Ihrer Wahl, auch wenn ich mit Ihrer Person keine wirkliche Hoffnung für unser Land verbinde. Nein, besonders glücklich bin ich über die Wahl nicht, und das nicht nur wegen des beschämenden Parteigemauschels bei der Kandidatenaufstellung, für das Sie ja nichts können. Sie sind sicher ein ehrenwerter Mann. Obwohl dies die selbstverständ-
lichste aller Eigenschaften eines Politikers sein sollte, ist es eher selten und daher schon erwähnens-
wert. Aber, um Willy Brandt ein wenig zu verballhornen: Ohne Ehrenhaftigkeit ist alles nichts, aber Ehrenhaftigkeit ist nicht alles. Es stellen sich also weitere Fragen hinsichtlich der Aufgaben und Rechte - und der Kompetenz - eines Bundespräsidenten. Insbesondere fragen sich jetzt schon viele im Land, ob wir wirklich einen Präsidenten benötigen, der den "neuen, unakzeptablen Spal-
tungstendenzen" dadurch zu begegnen versucht, daß er uns die Entscheidung über Richtig und Falsch mit präsidialer und zugleich ökonomischer Autorität einfach vorgibt. Einer Ihrer Vorgänger, Roman Herzog, hielt sich bei den Inhalten noch etwas zurück und formulierte in seiner berühmten "Ruck"-Rede von 1997 eine schlichte Botschaft, die eigentlich nur Eines verdeutlichte: daß er den Ernst der Lage verstanden, aber von der Natur des Problems überhaupt nichts begriffen hatte. Sie dagegen ergreifen - mit einem für dieses Amt ganz neuen Anspruch auf professionelle Kompetenz - deutlich Partei in einer tiefgehenden Sachkontroverse, und man darf fragen: Cui bono?

In Ihrer Inauguralrede am Tag Ihrer Wahl sagten Sie, Sie möchten "Bundespräsident aller Deut-
schen sein und ein Präsident für alle Menschen, die hier leben"
. Die darin enthaltene, für einen Na-
tionalökonomen überraschend feinsinnige Abstufung hat mir gefallen. Dies umso mehr, als schon am folgenden Tage in vielen Print- und sonstigen Medien die zu erwartende 'korrigierte Fassung' Ihrer Worte sich fettfleckartig ausbreitete: "... Er sagte, daß er der Präsident aller Deutschen und aller hier lebenden Menschen sein wolle." PISA, wohin das Auge reicht! Zwar: Die politische Wirklichkeit, sie ist nicht so in diesem Lande. Aber auch wenn es nur ein hübscher, im übrigen folgenloser semantischer Streich war, - die Deutschen können nun sagen: "Er ist unser Präsident"; die 8 oder 9 Millionen meist nicht eingeladenen Dauergäste aus aller Welt können unbedroht die Sozialleistungen unseres Landes konsumieren, denn sein Präsident ist zwar nicht der ihre, aber auch für sie da.

Nun fragt es sich allerdings, wie Sie es anstellen werden, unser aller Bundespräsident zu sein, in dem normativ verpflichtenden Sinn, den man hier ja unterstellen muß. Keine Frage: Sie sind mit geringen Abstrichen der Präsident aller Parteien des Bundestages. Denn schon jetzt haben Sie Ihr Herkommen und Ihre künftige Wegrichtung nicht verleugnet, und diese Richtung verbindet Sie mit Regierung wie Opposition gleichermaßen. Nur ist es ja leider so, daß diese Parteien schon lange nicht mehr "unsere" Parteien sind, sondern ein parasitäres Eigenleben führen, losgelöst von der Bevölkerung und ihren Bedürfnissen. So daß man versucht ist zu sagen: Wer der Präsident der Parteien ist, kann nicht gleichzeitig unser Präsident sein. Man wird sehen.

Sie betonen gern (und offensichtlich nicht ganz absichtslos), daß Sie "gelernter Ökonom" sind. Das hört sich in der Tat irgendwie so beruhigend und solide an: Das Amt liegt in den Händen eines, der sein Handwerk erlernt hat, vertrauenswürdig wie ein Tischler, ein Physiker, ein Kfz-Mechaniker. Bei einer Minderheit von notorischen Besserwissern wirft freilich die Aussage "Ich bin gelernter Ökonom" mehr Fragen auf als sie beantwortet.

Sie haben es doch sicher nicht vergessen: Noch vor achtzig, neunzig Jahren stritt man darüber, ob die Nationalökonomie überhaupt eine Wissenschaft sei. Und die bis heute fortdauernde Aufspal-
tung in unzählige Schulen beweist auf jeden Fall, daß sie, wenn überhaupt, dann doch eher den Geisteswissenschaften (oder gar den Religionen?) zuzurechnen ist. In kaum einer anderen Wissen-
schaft ist das "empirische" Ergebnis der forscherischen Bemühung so genau aus den Prämissen vorhersagbar wie bei den Volkswirten (eine Form von "Self fulfilling prediction", könnte man sa-
gen). Jedoch: Besonders den zahllosen Vertretern der heute dominierenden neoliberalen Schule ist das Bewußtsein dafür völlig abhanden gekommen, daß ihre Lehre nur eine unter vielen ist. Und die globalisierte Unmasse Kapital, die ebenso dezent wie effizient fördernd hinter ihrem unsäglichen Geschwätz steht, sagt rein gar nichts über den wissenschaftlichen Wert ihrer Expertisen aus. Das Kapital im Hintergrund erklärt nur, warum so viele "Wissenschaftler" ausgerechnet für diese so leicht durchschaubare Ideologie der Besserverdienenden auf den Expertenstrich gehen. Also, ge-
rade hier erwarte ich mir von Ihnen, lieber Herr Professor Köhler, ein paar herzhafte Ermahnungen zu etwas mehr Bescheidenheit bei den gelernten Ökonomen der neoliberalen Richtung.

Und ich würde natürlich auch nie auf den Gedanken kommen, daß Frau Merkel für uns einen Prä-
sidenten wählen ließ, der das Ansehen seines Amtes dazu mißbraucht, ausgerechnet die Irrlehren dieser Truppe von der zweifelhaften Reputation zu verbreiten. Und der einer "Reformpolitik" das Wort redet, die in der Bevölkerung nur noch auf blanken Haß stößt, immun gegen jede Art von präsidialen Empfehlungen.

Ein Bundespräsident hat viel zu tun. Deshalb hoffe ich, daß Sie schon vorher die Zeit gefunden haben, den letzten Bericht der "Fünf Wirtschaftsweisen" wenigstens einmal zu überfliegen. Nach der Vorstellung auf einer Pressekonferenz im Oktober 2003 durch Prof. Wolfgang Wiegard war-
tete ich monatelang gespannt, ob jemand in den Medien oder in der Politik ein bestimmtes State-
ment Wiegards aufgreifen würde. Es bezog sich auf den Abschnitt 68 des Gutachtens, in dem ein paar sehr bemerkenswerte Sätze von geradezu Al-Qaida-mäßiger Sprengkraft stehen. Ich warte jedoch bis heute vergeblich; der Passus wird mit merkwürdiger Ausnahmslosigkeit - wieder dieses Vogelschwarmsyndrom! - gar nicht wahrgenommen, geschweige denn diskutiert.

Hier noch einmal die Kernthese der "Wirtschaftsweisen", die professoral hüstelnde Umschreibung verkürze ich etwas:

>>Fehlanreize ergeben sich aus einer unzureichenden Internalisierung der durch eine Entlassung verursachten Kosten. Der Gesetzgeber sollte sich auch auf dem Arbeits-
markt die Lenkungswirkung von am Verursacherprinzip orientierten Abgaben (Unter-
nehmerbeiträge zur Arbeitslosenversicherung)
zunutze machen, und zwar durch die gezielte Verteuerung von gesamtwirtschaftlich kostenträchtigen "betriebsbedingten" Entlassungen.<<


Die Herren vom Sachverständigenrat haben also nur rund 20 Jahre länger gebraucht als ich und
ein paar hunderttausend andere, die auch denken können; respektabel ist es trotzdem. Ist das nicht auch für Sie, lieber Professor, als gelernten Ökonomen eine wahre Sternstunde: zu entdecken, daß es für Arbeitslosigkeit auch einen Verursacher gibt, dem man bei seinen (betriebswirtschaftlichen) Gewinnmaximierungsstrategien rein abgabentechnisch ein wenig die Flausen austreiben sollte? Vielleicht noch rechtzeitig, bevor man per Hartz IV hochqualifizierte Menschen zum Müllsammeln "überreden" muß? Ein Jammer, daß diese Anregung des Sachverständigenrates so gar nicht ins Konzept unserer selbsternannten Retter-der-Nation-per-Sozialkahlschlag passen wollte und des-
halb auch ganz schnell im Orkus versunken ist. Wenn Sie die Sache vielleicht noch einmal öffent-
lich erwähnen könnten ...?

Sie sagen, wir müßten Wettbewerb und Strukturwandel annehmen, um zu bestehen. "...Tatsäch-
lich befindet sich die Welt in einem tiefen Umbruch. Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen. Deutschland muß um seinen Platz in der Welt des 21. Jahrhunderts kämpfen."
Schön gesagt haben Sie das. Nur ein paar kleine Details machen mich etwas stutzig.

Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen. Wer so von Wirklichkeit spricht, meint immer den Teil der Realität, der als unveränderlich vorgegeben hinzunehmen ist. Wer sich Gedanken über die bes-
te Landwirtschaft für sein Land macht, wird nicht voraussetzen, daß vorher zunächst das Wetter neu eingestellt wird; bei der Konzeption eines Satellitensystems sollte man die Erdkrümmung als vorgegebene Größe einplanen und nicht ändern wollen. Das sind Beispiele für "die" Realität, der man sich stellt, indem man sich nach ihr richtet. Freilich sind die Übergänge fließend: Sie als Voll-
ökonom, ich als Ökonom-so-nebenbei, wir kennen das beide von der Grenznutzenbetrachtung her gut. Es geht also um die Frage der konstanten oder sich verändernden Rahmenbedingungen unse-
res Tuns, die mit vorhandenen Mitteln / vertretbarem Aufwand vom Menschen nicht beeinflußbar sind. Vor hundert Jahren wäre es niemandem eingefallen, die geographischen Grenzen eines Staatswesens als Konstanten der Wirklichkeit anzusehen; wir Heutigen sind gut beraten so zu tun, als wären sie es. Die Pioniere des Automobils im 19. Jahrhundert hatten sich einer Wirklichkeit zu stellen, die besagte u.a.: "Ohne Tankstellennetz keine Autos, ohne Autos kein Tankstellennetz". Bekanntermaßen stellte man sich der Wirklichkeit, indem man sie veränderte.

Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen. Was ist aber "die" Wirklichkeit? Könnte es sein, daß die großenteils parasitäre kapitalistische Klasse unseres Landes - Verzeihung, wir denken ja global - und ihre dienstbaren käuflichen Geister in Politik, "Forschung" und Medien unter "der" Wirklichkeit etwas völlig Anderes verstehen als wir anderen, die wir auf der Schattenseite dieser Wirklichkeit leben? Ich glaube, Sie ahnen es, lieber Herr Professor: Ich gehöre zu den nicht Wenigen, die das Gerede von dieser angeblichen Wirklichkeit nicht mehr hören können, denn dahinter schimmert, nur notdürftig verschleiert, das nackte Interesse der Interessierten durch. Cui bono -. siehe oben.

Sie vergaßen vielleicht nur es zu erwähnen, lieber Professor: Alle diese unabänderlichen "Realitä-
ten", denen wir uns zu stellen haben, haben zweierlei gemeinsam: Erstens: Vor- und Nachteile sind in ganz spezifischer Weise verteilt. Und zweitens: Die Unabänderlichkeit, das naturgesetzliche Ge-
gebensein dieser Wirklichkeit wird mit verdächtigem Eifer von der Seite beteuert, die den Nutzen hat.

Zu 1: Die Segnungen der sich wandelnden Realität kommen nur noch der "Angebotsseite" zugute. Die Nachteile für Verbraucher, Arbeitnehmer, Arbeitslose, Rentner, den gewerblichen Mittelstand nicht zu vergessen, seien angeblich die unvermeidlichen Seiteneffekte. Der ökonomische Konzen-
trationsprozeß ist viel älter als das Schlagwort Globalisierung. Aber erst Globalisierung und Dere-
gulierung haben zu noch nie gekannten Unternehmens- und Kapitalkonzentrationen geführt, zur gnadenlosen Durchsetzung der Shareholder-Value-Philosophie, und damit zur (volkswirtschaftlich ganz nutzlosen) Vernichtung von Hunderttausenden mittelständischer Betriebe und Millionen Ar-
beitsplätzen. Sie haben zur faktischen Entmachtung der nationalen Regierungen geführt und die Macht in die Hände anonymer, keinem Wähler verantwortlicher Managercliquen übergeben, die wir schlicht in die Rubrik "kriminelle Vereinigungen" kategorisieren wollen.

"Globalisierung bestimmt mehr und mehr unser Leben. Sie bedarf - und das ist meine feste Überzeugung, hier stimme ich mit Johannes Rau überein - der politischen Gestaltung. Wenn wir es richtig anpacken, kann Deutschland aus der Globalisierung weiterhin großen Nutzen ziehen." Diese beruhigende Botschaft hatten Sie für uns gleich nach Ihrer Wahl bereit. Es ist fast selbstverständlich, daß der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds so reden muß, je-
denfalls wenn er vergißt, daß er jetzt, als neuer Bundespräsident, mit solch einem zynisch beschö-
nigenden Gerede seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. Denn das Deutschland, welches, wie Sie betonen, aus der Globalisierung so großen Nutzen gezogen hat, ist das Deutschland der Kapital-
anleger, der Aktionäre, der Unternehmer und ihrer korrupten Manager-"Eliten". Das andere Deutschland, die Masse derer, die nicht andere für sich arbeiten lassen können, erlebt die Globali-
sierung samt Drumherum gerade als Vorspiel eines Albtraums und glaubt, einfältig wie es ist, das sei schon der Albtraum.

Zu 2: Was uns hier als "die" Wirklichkeit der globalisierten Welt verkauft wird, nach der wir uns zu richten hätten, weil man sie ohnehin nicht ändern könne, ist ein global inszeniertes Betrugsmanöver. Die angeblich irreversiblen Veränderungen sind von Menschen gewollt, von Menschen gemacht, und sie können von Menschen modifiziert oder rückgängig gemacht werden. Das müßte, da "marktwirtschaftlich" arbeitende (Welt-)Wirtschaftssysteme dazu von sich aus nicht in der Lage sind, die Aufgabe einer intelligenten und verantwortungsbewußten Politik sein.

Die Globalisierung ist zu verändern, und wir müssen sie zurückdrängen, in die Schranken weisen, der Kontrolle demokratisch verantwortlicher, politischer Instanzen unterwerfen, um zu überleben. Und in Teilen muß dieses elende globalisierte System zerschlagen werden, um fast jeden Preis zerschlagen werden. Und nix: "politisch gestalten", da muß ich Ihnen leider widersprechen.

Die Europäische Union ist zu verändern. Und wir müssen sie verändern, sie gesundschrumpfen, das unkontrollierte Wuchern dieses Kompetenzentumors beenden, um zu überleben. Ganze mit-
telständische Wirtschaftszweige, die jetzt schon vernichtet sind, können wir wohl nicht wiederbe-
leben; aber wir wollen uns ja der Wirklichkeit stellen. Und zwar auch, indem wir sie ändern. Insbesondere müssen wir uns die Osterweiterung der EU nicht gefallen lassen und sollten diese Narrenposse beenden, bevor sie richtigen Schaden anrichtet. Desgleichen kann es nicht dem Er-
messen einer eurokratischen Kaste von hauptamtlichen Pfründeninhabern überlassen bleiben, welche Maßnahmen (endlich) für einen Aufbau der von Kanzler Kohl ruinierten Neuen Länder zu ergreifen sind.

Wir müssen uns dem globalisierten Wettbewerb stellen. Sehr gut! Dabei haben wir ja mehrere Möglichkeiten. Zum einen können wir uns, wie die Regierungen Kohl und Schröder das ja schon in Angriff genommen haben, dem Wettbewerb auf den Gebieten der Löhne, der auf Halde gekippten nicht benötigten Arbeitnehmer, der Sozialstandards stellen, d.h. einem Wettbewerb, einer Anpas-
sung nach unten. Da Sie aber nicht nur Ihr Land lieben, sondern bestimmt auch seine Einwohner, kommt diese Variante natürlich auch für Sie nicht in Frage, oder? Vielmehr werden Sie sicherlich mit der Autorität des gelernten Ökonomen dafür eintreten, daß wir für unsere eigenen Wirtschafts-
räume Deutschland/Kern-EU die Bedingungen dieses Wettbewerbs nach unseren Bedürfnissen festlegen: Zollbarrieren (möglichst gemeinsam mit den ernstzunehmenden EU-Partnern) gegen Preis-, Lohn- und Sozialdumping. Und wenn die Exportpreise der deutschen Industrie denn schon subventioniert werden müssen, dann vielleicht besser über Steuern als über Sozialkahlschlag, nicht? Na also, ich wußte es doch: Mit unserem neuen Präsidenten kann man reden!

Zum Abschluß meiner kurzen Grußadresse wollen wir uns noch schnell den Zukunftserwartungen widmen: "... Deutschland soll ein Land der Ideen werden. Im 21. Jahrhundert bedeutet das mehr als: das Land der Dichter und Denker ... ". Sie rufen das ganze Land auf zu mehr Ideen, Kreativität und Zuversicht. Am besten gefallen hat mir dieser visionäre Satz: "Deutschland ein Land der Ideen, das ist für mich zuerst und vor allem ein Land der Kinder." (Der Beifall aller Fraktionen, im Hinterkopf den demographischen Wandel und die Veruntreuung der Versi-
chertenbeiträge einer ganzen Generation [weshalb das Ganze ja auch "Generationenvertrag" heißt], war verdient.) In diesem kühnen, mitnichten metaphorischen Brückenschlag von den Ideen zu den Kindern offenbart sich in der Tat eine gewisse Kreativität: Ich stellte mir da im ersten Moment, haltlos kichernd, vor, wie Papa auf Ideen kommt und zuerst kreativ-bedeutungsvoll zu Mama rüber und dann zuversichtlich auf die Schlafzimmertür schaut, wo die rentenpolitische Pflicht ruft. Aber das haben Sie, lieber Herr Professor, sicherlich ganz anders gemeint, ich weiß nur nicht, wie. Vielleicht würde ein Joint (siehe Bundespräsidentenwahl, die Erste) meine Imagination beflügeln, aber wenn man dermaßen aus der Übung ist, ist das ist wohl doch keine so gute Idee.

Mit freundlicher Hochachtung und den besten Wünschen für Ihre Amtszeit

bin ich
Ihr ergebener

Manfred Grabowski"


Tja, nun ist Prof. Horst Köhler inzwischen sowieso schon im Amt, bevor mein gedachter Brief fertig geworden wäre. Wäre also schön dumm von mir, den Brief überhaupt anzu-
fangen ....




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