Alle sind gleichbegabt - oder?
Na ja, einige vielleicht etwas gleicher ...


Das Schlimmste an der kindlich-optimistischen Anthropologie der Aufklärer ist noch nicht einmal der daraus resultierende "antiautoritäre" Verzicht auf echte Erziehung, Durchsetzung von Leistungsanfor-
derungen und sozialen Normen. Schließlich könnte man das sogar sozialdarwinistisch-positiv sehen,
als Chance für eine neue, sich un ausweichlich bildende Leistungselite, die gegenüber den antiautori-
tären Weicheiern einen klaren Entwicklungsvorsprung hat. Zumindest da, wo nicht – wie an den Univer-
sitäten –  der Wettbewerb durch Frauengleichstellungsquoten oder andere  Artenschutzmechanismen ausgehebelt ist ...

Gleichbegabung - Evolutionsbiologie und Unbefleckte Empfängnis

Nein, die übelste Folge ist das linke Dogma, daß alle Menschen gleichbegabt seien, verschieden im Aussehen, aber begabungsmäßig eigentlich alles Klone von ... Moment mal, jetzt keinen Fehler ma-
chen! ....  von Adam oder von Eva? Na, egal, Klone eben. Das muß schon ein sonderbarer Typ von Evolution sein, wo beim genetischen Würfelspiel, besonders der zweigeschlechtlichen Spezies, alle Eigenschaften ständig ein wenig variiert, rekombiniert werden, nur die des Gehirns nicht. Wirklich recht sonderbar.
Der lamarckistische Unfug – den Marxisten jeglicher Couleur engelsmäßig heilig – wirkt bis zum heu-
tigen Tage fort. (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, 1876). Alle Fort-
schritte  der Molekularbiologie, der Genforschung usw. haben an einem  Dogma linker Bildungspolitik
nicht zu rütteln vermocht: Begabung, Intelligenz seien letztlich sozial, nicht genetisch determiniert. Sie seien nicht normalverteilt, sondern potentiell gleichmäßig verteilt in allen vorhanden.
Also, ob die unterrichtliche Arbeit tatsächlich Chancengleichheit erzeugt hat, erkenne ich zuverlässig
an den Zensuren: Alle haben eine Zwei! Wer da nicht so ganz mitkommt, ist nicht allein; zumindest ich bin auch dabei und sinniere dann gern über die Macht der Selbsttäuschung. Allen vom bösen Kapital gekauften Zweiflern zum Trotz – es lag einfach in der Ideologik der Sache, daß im Gefolge der Glorrei-
chen Revolution von 1968 an vielen (den meisten?) deutschen Universitäten die Gruppenprüfung mit ge-
meinsamer Benotung Einzug hielt. Sechs Prüflinge kommen rein, tragen alle im Rahmen ihrer Möglich-
keiten zum Gelingen bei, und am Ende gibt's Öko-Napfkuchen und eine Bewertung, wo a) keine Note schlechter als Drei sein darf und b) keine Note um mehr als einen Punkt vom Mittelwert abweicht. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen, danke, Marx!

Was bei solchen Erfolgskontrollen herauskommt, sagt logischerweise wenig über die Leistungen der Prüfungsteilnehmer, überhaupt: des solcherart reformierten Bildungssystems aus, dafür um so mehr
über die spongiformen enzephalen Fortschritte der achtundsechziger Bildungsreformer.


Zirkelbeweis und Immunisierung

Das Elend der Bildungspolitik, und nicht nur ihres, ist, daß Erfolg oder Mißerfolg sich der experimentel-
len Prüfung entziehen. Die Bestätigung oder Widerlegung erfolgt durch die gesellschaftliche Praxis, und das bedeutet sehr lange Latenzzeiten und unendlich große Deutungsspielräume. Für letzteren Sachver-
halt bietet Altkanzler Kohl ein Paradebeispiel: Der Mann konnte und kann beim besten Willen nicht ver-
stehen, warum keiner außer ihm die blühenden Landschaften im Osten erblicken will, die er versprochen und doch tatsächlich geschaffen hat.
Oder vielleicht nicht?
In Don Quichotes Realität gilt es gegen Riesen zu kämpfen; der schlichthirnige Sancho kann nur Wind-
mühlen erblicken. Da schwingt sich sozialdemokratische Bildungspolitik in Hessen, Berlin, Bremen usw. zu ungeahnten Höhenflügen auf, und einige nörgelnde Sancho Pansas (darunter auch dieser Gb) wollen nur eklatante Bauchlandungen gesehen haben! Das verstehe, wer will.

Die von den Achtundsechzigern verzapften Theorien vom "Leistungsprinzip als Teil kapitalistischer Aus-
beutungsstrategie" und von der "in der Klassengesellschaft fehlenden Chancengleichheit" sind offenbar bis heute nicht überwunden: Die Schule wird immer noch als Teil, bzw. Machtinstrument eines Staates begriffen, der in Wirklichkeit die Interessen der herrschenden Ausbeuterklasse vertritt. [Wenn er das wirklich tut, dann doch nur, weil der durchschnittliche Wähler offensichtlich den IQ eines Müsliriegels
hat.  Nein, ein wirklicher Demokrat bin ich nicht: Odi profanum vulgus, et arceo.]  Dialektisch gesehen wäre es ja ein durchaus vertretbares Szenario: Der Staat, den man eben noch bekämpfte, ist jetzt ver-
einnahmt, aber nicht wirklich transformiert, bleibt irgendwo doch Organ des Klassenfeindes. Könnte mir als Bildschirmschoner gefallen: So'n echter APO-Minister, der sich permanent und dialektisch in den eigenen Hintern treten muß ...


Leistung: Entfremdete Arbeit im Kapitalismus

Ich werde schon wieder albern, aber die Leute sind einfach zu komisch. Natürlich – die kapitalistische Ausbeuterklasse (Auch ich sehe sie durchaus so, obgleich ich nie Marxist war) liebt das Leistungsprinzip. Leute, die Leistung um ihrer selbst willen, aus Ehrgeiz usw. erbringen, sind ideale Ausbeutungsobjekte. Die Linken scheinen jedoch immer noch in dem Irrtum zu verharren, das Leistungsprinzip sei eine Erfin-
dung des Industriekapitalismus und nütze ausschließlich ihm...  [Hinsichtlich des Ursprungs tippe ich mehr auf den Absolutismus. Ähem, tüchtiges Subject, Er. Weiter so!   Max Webers Protestantismus-
these natürlich nicht zu vergessen.] Wer nichts leistet, der kann auch nicht im Kapitalismus ausgebeu-
tet werden! Das könnte, neben dem Chancengleichheitswahn, der zweite Grund dafür sein, daß unser Bildungssystem ganz offensichtlich als Hauptziel die Verhinderung von Leistung hat.

Die Datenschutzgesellschaft
 
"Den wievielten haben wir heute eigentlich?"
"Ich sag's dir. Aber wenn das rauskommt, kriegen wir Ärger."
 

Zweifellos verschärft das Leistungsden-
ken in der Wirtschaft den ohnehin schon harten Wettbewerb der Arbeitnehmer untereinander. Könnte es sein, daß im Hinblick auf die späteren Chancen am Arbeitsmarkt bereits die Schüler sich in einer gnadenlosen Konkurrenzbe-
ziehung befinden?
Eine für jeden Sachkundigen absurde Vorstellung. Wie auch immer – die Schüler müssen von Amts wegen schon gegen ihresgleichen geschützt und abgeschirmt werden: Der paranoi-
sche Erlaß, der die Ergebnisse von Klassenarbeiten unter Datenschutz stellt (Zensurenmappen unter Verschluß), ist technisch zwar nur eine winzige Belästigung; hinsichtlich der intellektuellen und psychi-
schen Befindlichkeit der Urheber drängen sich allerdings verheerende Rück schlüsse auf. Also Leute, wenn schon, denn schon: Vokabeln abfragen bitte nur noch im Beichtstuhl!
Was für ein fortschrittliches Konzept von Schule! Man geht in die Klasse und fragt sich jedesmal: Ist im Moment gerade das menschliche Miteinander angesagt, oder sitzen heute wieder mal 22 anonymisierte Datentupel vor mir? Das muß echte Dialektik sein ...
A propos, die Schüler als Konkurrenten: Hätten unsere linken Entfremdungshuber sich an der Uni etwas weniger mit den Ergüssen der "Politischen Ökonomie" und dafür ein bißchen mit Spieltheorie beschäf-
tigt, so wüßten sie, daß die Schule eben kein Nullsummenspiel ist, in dem Gewinne zwangsläufig auf Kosten der Verlierer erzielt werden. Vielmehr spielen alle "gegen die Bank", d.h. gegen die Schule (die paradoxerweise gleichzeitig auf ihrer Seite ist), und der wirkliche Gegner ist die Gaußsche Normalvertei-
lung. Da aber die Normalverteilung der Intelligenz bekanntlich eine Erfindung der kapitalistischen Aus-
beuterklasse ist, steht linke Bildungspolitik prinzipiell im Zeichen der "Chancengleichheit": Wer unbe-
gabt oder faul ist, ist gar nicht unbegabt oder faul, sondern nur ein Opfer von geistiger Unterprivilegierung in der Klassengesellschaft (s.o.). Frau Kollegin, unter diesen Umständen sollten Sie vielleicht Ihre Fünf
in Mathe noch einmal überdenken ...
Zur Ehrenrettung meiner Schule sei's gesagt: Einen derartigen Unfug hat es bei uns und wohl an der Mehrheit der schleswig-holsteinischen Schulen nie gegeben.

Sed vestigia terrent: Da, wo Bildungsexperten der Achtundsechzigergeneration länger wirken durften (Hessen, Bremen, Berlin, Hamburg, ...), sind die Bildungssysteme nachhaltig ruiniert, haben Schulen
und Universitäten Generationen von diplomiertem Schrott produziert, der weder in der Wirtschaft noch
in der ernsthaften Forschung zu gebrauchen ist. Dafür aber immer – echtes Ideologie-Recycling! – als Lehrer, Hochschullehrer oder Publizisten. Und Politiker natürlich! Lauter Bereiche, wo man mit seinen liebgewordenen Theorien  über die Wirklichkeit gegen den lehrreichen  feed back  aus der Wirklichkeit
gut abgeschirmt ist.



Und sie bauten sich eine Sprache, auf daß ...